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Hotel- und Gaststättengewerbe: „Die Lage ist dramatisch“

Interview : Hotel- und Gaststättengewerbe: „Für den Mittelstand muss dringend nachgebessert werden“

Von den Folgen der Corona-Pandemie besonders stark betroffen ist das Hotel- und Gaststättengewerbe. Die Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbandes Dehoga, Ingrid Hartges, fordert zusätzliche Hilfen, um die Existenz der Betriebe zu sichern.

Frau Hartges, haben Sie schon einen Überblick über das Ausmaß der Schäden für Ihre Branche?

Ingrid Hartges: Die Lage ist dramatisch. In der ersten Märzhälfte addierten sich die Umsatzausfälle in den Betrieben teilweise auf bis zu 80 Prozent. Seit Mitte März beziehungsweise seit dem 22. März haben die meisten Betriebe null Euro Umsatz. Da geht die pure Existenzangst um. So eine Situation haben wir noch nie erlebt.

Das Hilfspaket der Bundesregierung ist auch für Hotel- und Gaststättenbesitzer gedacht. Wie kommt die Unterstützung dort an?

Hartges: Unterschiedlich. Die Direkthilfen für Kleinunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten sind gut und richtig. Die Ersten haben das Geld schon auf dem Konto und sind heilfroh darüber. Respekt auch für die Hilfsprogramme der Länder. Für den Mittelstand muss jedoch dringend nachgebessert werden.

Warum?

Hartges: Weil es da keine Direkthilfen gibt, sondern Kredite, und die Banken sich damit zum Teil sehr schwer tun. Die Banken wissen ja, dass wir kaum Nachholeffekte haben werden, wenn die Krise vorbei ist. Das Essen oder Hotelzimmer, das sich heute nicht verkauft, verkauft sich später auch nicht mehr. Das führt zu einer Einschränkung der Kreditwürdigkeit. Deshalb haben wir von Anfang an eine Haftungsfreistellung von 100 Prozent durch den Staat gefordert. Leider ist das bislang nicht geschehen.

Aber die Branche hat auch viele gute Jahre gehabt.

Hartges: Das stimmt. Seit 2010 gab es einen Wachstumsrekord nach dem anderen. Ein Familienunternehmer denkt aber in Generationen. Also hat er das Geld in den Aus- und Umbau des Betriebes investiert und dafür zusätzlich Kredit aufgenommen. In diesen Fällen gibt es bereits jetzt hohe Verbindlichkeiten. Eine große Hilfe wäre da schon, wenn man die Tilgungsfirst für solche Kredite bei der KfW-Bank von fünf auf mindestens zehn, besser 20 Jahre verlängern würde. Sonst schaffen das die Betriebe nicht.

Eine Betriebsschließungsversicherung kann auch Pandemie-Schäden abdecken. Hilft das?

Hartges: Schätzungsweise nur fünf bis zehn Prozent unserer insgesamt 223 000 Unternehmen haben eine solche Police. Vielen ist das zu teuer, und wer noch nie von einer Schließung durch höhere Gewalt betroffen war, dem fehlt dafür vielleicht auch das Problembewusstsein. Solche Verträge sind auch sehr unterschiedlich ausgestaltet. Wir erleben massiv enttäuschte Unternehmer, weil die Versicherung nicht zahlt. Hier müssen dringend Lösungen gefunden werden.

Rechnen sie mit vielen Insolvenzen nach der Pandemie?

Hartges: Wenn mittelständische Unternehmen nicht schnellstens Liquiditätshilfen bekommen und kein zusätzlicher Rettungsfonds aufgelegt wird, werden viele Betriebe auf der Strecke bleiben.

Aber es gibt doch auch noch das Kurzarbeitergeld. Schafft das Entlastung?

Hartges: Ja, aber das muss auch so schnell wie möglich fließen. Allein die Personalkosten machen ja 25 bis 40 Prozent des Nettoumsatzes aus. Wenn unsere Gaststätten und Hotels sterben, werden ganze touristische Strukturen zerstört. Allein in den letzten zehn Jahren hat die Branche 300 000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen. Es geht um die Rettung der öffentlichen Wohnzimmer. Unsere Branche hat nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Systemrelevanz.