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Wirtschaft: Handwerk: Warum kaum jemand mehr Chef sein möchte

Wirtschaft : Handwerk: Warum kaum jemand mehr Chef sein möchte

Hundertausende Betriebe suchen hierzulande eine neue Führung. Besonders groß ist der Bedarf im Handwerk - eine Analyse.

Düsseldorf. Es ist eine Zahl, die gewaltige Sprengkraft birgt: In den nächsten fünf Jahren suchen hierzulande rund 500 000 kleine und mittlere Unternehmen einen neuen Chef. Problematisch daran ist, dass dieser Prozess laut einer Studie von KfW Research in vielen Fällen schlecht funktioniert. Klappt es nicht mit dem Generationenwechsel, droht aber die Schließung des Betriebs und der Verlust von Arbeitsplätzen.

Besonders groß ist der Bedarf an Nachfolgern im Handwerk. „In den nächsten fünf bis sechs Jahren sind es 200 000 Unternehmen, die zur Übergabe anstehen“, sagt Holger Schwannecke, Generalsektretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Die Handwerkskammer Düsseldorf geht davon aus, dass allein in NRW bei etwa 30 000 Betrieben der Stabwechsel in der Führungsetage aus Altersgründen ansteht. Das entspricht einem Anteil von rund 20 Prozent.

Genaue Daten, wie viele Firmen eine Nachfolgelösung haben, liegen nicht vor. Bekannt ist allerdings, dass es an nachrückenden Existenzgründern mangelt. Deren Zahl sinkt laut KfW Research seit Jahren — von mehr als 1,5 Millionen im Jahr 2001 auf nur noch 672 000 im Jahr 2016. „Aktuell wagen so wenige Menschen in Deutschland wie nie den Gründungsschritt“, schreibt Michael Schwartz, Autor der Studie von KfW Research.

Wer nach den Gründen sucht, muss die seit Jahren glänzend laufende Konjunktur in den Blick nehmen. Der Arbeitsmarkt bietet für Fachkräfte, die eine Festanstellung ohne Risiko der Selbstständigkeit vorziehen, glänzende Möglichkeiten. Hinzu kommt eine Veränderung der Werte: Familie und Freizeit haben an Bedeutung gewonnen, der Beruf steht nicht mehr unangefochten an der Spitze. „Es gibt einen merklichen Wandel bei den Kriterien für die persönliche Lebensplanung der jungen Erwachsenengeneration“, formuliert es Claudia Schulte von der Handwerkskammer Düsseldorf.

Die einzelnen Handwerksbereiche sind in den nächsten Jahren unterschiedlich stark von Betriebsnachfolgen oder -schließungen betroffen. Weit über dem Durchschnitt liegen mit 34,4 Prozent vor allem die Bäcker, Konditoren und Fleischer. Deren Geschäfte leiden oft unter den Billigangeboten der Discounter und Supermärkte.

„Was wir erleben, ist der Niedergang des Handwerks. Qualität zählt nichts mehr“, sagt die Frau eines Fleischermeisters aus Krefeld, die das Geschäft nach Jahrzehnten ohne Nachfolger geschlossen hat und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Es gibt keinen Nachwuchs, niemand will die Verantwortung, die ein Betrieb nun mal mit sich bringt, übernehmen.“

Es drohen weiter Schließungen von Fachgeschäften - wie hier im Ruhrgebiet. Foto: dpa

Die Politik hat die Brisanz des Themas erkannt. Auf Antrag von CDU und FDP wird sich der Haushalts- und Finanzausschuss des NRW-Landtags heute mit dem Thema Unternehmensnachfolge beschäftigen. Es geht unter anderem um die Forderung, die Übernahme von Betrieben, denen die Stilllegung droht, auch dann zu fördern, wenn die Firma nicht in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt.

Wie das NRW-Wirtschaftsministerium auf Anfrage mitteilte, ist eine entsprechende Änderung der Richtlinien bereits in Arbeit. Vorgesehen sei zudem eine Ausweitung von Beratertagen und Beratungsdauer für Betriebsübergaben.

Wer als potentieller Chef eine Firma sucht oder sein Unternehmen anbieten möchte, kann auch die Internetplattform nexxt-change nutzen. Diese Börse wird vom Bundeswirtschaftsministerium in Verbindung mit den Verbänden der Wirtschaft betrieben. Derzeit sind 6626 Betriebe im Angebot, 2005 mögliche Chefs suchen ein Unternehmen. Gezielte Beratung bei geplanten Betriebsübergaben bieten die regionalen Kammern.