Haferdrink & Co: So sinnvoll sind Milchersatzprodukte wirklich

Pflanzen statt Kühe : Haferdrink & Co: So sinnvoll sind Milchersatzprodukte wirklich

Ersatzprodukte für Kuhmilch liegen im Trend. Die Debatte um Tierschutz und Klimawandel sorgt für Verschiebungen am Markt.

Wenn Wotan Wilke Möhring im Hamburger „Tatort“ als Kommissar Thorsten Falke ermittelt, greift er gerne zur Milch. Richtige Milch natürlich. Und das passt prima. Denn Möhring ist wie Falke ein cooler, ehrlicher, bodenständiger Typ. Mit genau diesem Image möchte die Milchlobby ihr Produkt vermarkten.

Aber das gelingt immer schlechter. Der Milchmarkt verändert sich: Pflanze statt Tier – so lautet der Trend, der in jüngster Zeit so richtig Fahrt aufnimmt. Die Kuhmilch hat einen fast schon dramatischen Imageverlust erlitten. Der Verbrauch der Deutschen sank 2018 auf nur noch 52,5 Liter pro Kopf. Im Jahr 2003 waren es noch rund 84 Liter gewesen. Gleichzeitig legt der Absatz von Milchalternativen rasant zu.

Aber warum ist das so? Lange war Laktoseintoleranz der Hauptgrund, wenn Menschen einen Ersatz für Kuhmilch gesucht haben. Denn eigentlich können nur Babys die in Milch vorkommende Laktose verdauen. Doch wegen eines Gendefekts vertragen die meisten Europäer, Nord- und Mittelamerikaner auch nach der Stillzeit tierische Milch. Und die galt in diesen Regionen als weißes Gold – gesund, natürlich und reich an Nährstoffen.

Doch damit ist es für viele Verbraucher vorbei. Jetzt geht es um Tierschutz, Klimawandel und Nachhaltigkeit. Und dabei sehen die Landwirte mit ihren Tieren ganz alt aus. Verglichen mit Kuhmilch verursachen die Ersatzprodukte deutlich weniger Treibhausgase, auch der Verbrauch von Wasser und Landfläche fällt erheblich geringer aus. Das ist eine Botschaft, die in die Zeit passt.

Allerdings haben auch die Milchersatzpflanzen ihre Nachteile. So schien Soja lange ideal zu sein. Doch der Ruf der Bohne hat hässliche Kratzer bekommen, weil für den Anbau Regenwälder gerodet werden und Soja zur Lieblingspflanze der Gentechniker avancierte. Sehr hoch im Kurs stand lange die Mandelmilch. Doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass beim Anbau der Bäume Unmengen an Wasser verbraucht werden.

Haferdrink ist das beste Anti-Klimawandel-Getränk

Nun gilt Hafer als die beste Lösung. Das Getreide ist frei von Gentechnik, wächst fast überall, braucht nicht sonderlich viel Wasser und kann biologisch-dynamisch angebaut werden. Laut Albert-Schweitzer-Stiftung verursacht ein Liter Haferdrink nur ein Drittel so viel klimaschädliches Gas wie ein Liter Kuhmilch. Wer Milch möchte, kann also kaum ein besseres Anti-Klimawandel-Getränk finden. Kein Wunder, dass Hafer mit einem Anteil von 30 Prozent den Markt der Ersatzprodukte anführt – Tendenz stark steigend.

Wer sich von Rudolf Schmidt das Für und Wider all dieser Veränderungen erläutern lässt, stößt rasch auf Verärgerung. „Das Bashing der Milchbauern ist nicht mehr zu ertragen“, sagt der Geschäftsführer der Landesvereinigung Milchwirtschaft in NRW. „Wir achten auf Tier- und Klimaschutz“, so Schmidt. Seit 1990 sei der Ausstoß des besonders klimaschädlichen Methans, das Kühe beim Verdauen produzieren, um rund 30 Prozent reduziert worden.

Weiden speichern Treibhausgas

Hinzu komme die Weidehaltung. „Weiden sind Grünland, das ist ökologisch besonders wertvoll“, argumentiert Schmidt. Eine Aussage, die das Bundesamt für Naturschutz bestätigt. Weiden speichern Treibhausgas. Wiesen in Äcker umzuwandeln, wäre aus Sicht des Klimaschutzes kontraproduktiv. Neben Schafen und Pferden gelten Kühe als die beste Möglichkeit, das Weideland zu erhalten.

Angesichts des Preisdrucks hilft das den Milchbauern aber auch nicht. Derzeit gibt es für die Hersteller nur 30 bis 33 Cent (konventionelle Erzeugung) und 42 bis 45 Cent (biologisch) pro Kilo. „Das ist nicht kos­tendeckend“, sagt Schmidt und regt sich über die Preisdrückerei der Discounter auf.

Er hofft, dass die Verbraucher der Kuhmilch die Treue halten. „Qualität und Geschmack sind nun mal unübertroffen.“ Immer mehr Konsumenten sehen das aber anders. Und mit der wachsenden Menge fallen auch die Preise der Milchersatzprodukte. Drogeriemarktketten wie dm und Rossmann bieten Hafer- und Sojadrinks für 99 Cent je Liter. „Milch“ steht übrigens nicht auf der Verpackung, weil laut EU-Recht nur Kuhmilch so heißen darf.

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