Goldrausch im Wohnzimmer

Goldrausch im Wohnzimmer

Statt Tupperdosen wird nun Altgold gehandelt. Die Gäste nehmen im Schnitt 2800 Euro mit nach Hause.

London. Gold-Partys sind in Großbritannien der neueste Trend: Bei Wein und Häppchen kommen von der Hausfrau bis zur Bankiersgattin die Ladies zusammen, um alten Schmuck zu verscherbeln. Es ist eine lukrative Art, vom steigenden Goldpreis zu profitieren - und zwar ohne Geld für Goldbarren auszugeben. Im Gegenteil: 2800 Euro nehmen die Partygäste im Schnitt mit nach Hause.

Erst waren es Tupperdosen, jetzt ist es Gold, um das es bei Verkaufspartys inselaufwärts und -abwärts geht. Während die Gastgeberin schon mal Chips, Muffins und belegte Brote arrangiert und den Prosecco entkorkt, richtet sich irgendwo zwischen Schrankwand und Couch eine Edelmetall-Gutachterin ein. Sie hat eine Waage, eine Lupe und ein Scheckbuch dabei - was die Damen loswerden wollen, wird noch bei der Party geschätzt und bezahlt. Anders als bei Tupper-Partys werden sie auch nicht um den Preis einer neuen Plastik-Salatschleuder erleichtert; sie können vielmehr auf der Stelle anstoßen auf die Penunzen, die ihnen ihre abgelegten Preziosen einbringen.

"Viele sind erstaunt, dass einzelne Ohrringe oder kaputte Ketten, die seit Jahren ungetragen in ihrer Schmuckschatulle schlummern, doch noch ein ordentliches Sümmchen wert sind", sagt Mark Nicholson von Ounces2Pounds, der Firma, die die Gold-Partys im Königreich ins Leben gerufen hat.

Mittlerweile finden jeden Monat 150 solcher Partys statt - und es werden immer mehr, da der Goldpreis steigt. Bei 750 Dollar pro Unze lag er vergangenes Jahr, bei rund 1205 Dollar diese Woche. Der neue Goldrausch in britischen Wohnzimmern lohnt sich für die Ladies fast immer: "Im Schnitt zahlen wir pro Party 2500 britische Pfund aus", schätzt Nicholson.

Mit der Wirtschaftskrise, die das Pfund schon vor rund zwei Jahren in eine Abwärtsspirale geschickt hat, kommt die Idee goldrichtig. Viele Haushalte müssen zusehen, wie sie über die Runden kommen und bei sinkenden Einkommen die steigenden Preise, Kreditkartenrechnungen oder den längst nicht mehr selbstverständlichen Urlaub finanzieren.

"Trotz der Geldsorgen würden viele Briten jedoch niemals den Fuß in ein Leihhaus setzen, um dort ihren Schmuck zu verkaufen", sagt Nicholson. "Eine Party ist da die freundlichere Alternative und macht auch mehr Spaß."

Wer eine Goldparty schmeißt, bekommt zehn Prozent des Umsatzes und ein "Unterhaltungsbudget" von 40 Euro. Die Gäste kommen meist mit geringen Erwartungen und sind überrascht, wie viel ihnen die ungeliebte Panzerkette im Achtziger-Jahre-Stil noch einbringt. "Hauptthema bei solchen Partys sind oft die Ex-Männer", verrät Nicholson, "da stellt sich manchmal heraus, dass der Verlobungsring doch nicht so wertvoll und der Ex ein fürchterlicher Geizkragen ist." Andere Frauen seien ganz einfach froh, "den ganzen Kram, den sie in ihrer gescheiterten Ehe bekommen haben, loszuwerden, und das gewinnbringend".

Mit 75 Prozent des Tagespreises für die Feinunze Gold können die Damen rechnen - laut Ounces2Pounds mehr als bei vielen Juwelieren und Pfandhäusern. Ökologisch sinnvoll sei der Abschied von ungeliebtem Schmuck ohnehin: Jede frisch geschürfte Unze produziert tonnenweise Abfälle und giftige Chemikalien, das Einschmelzen hingegen sei umweltfreundlich.

Mehr von Westdeutsche Zeitung