DIW-Präsident: Konjunkturschwäche hat nichts mit höheren Löhnen zu tun

Vier Fragen an ... : DIW-Präsident Fratzscher: „Konjunkturschwäche hat nichts mit höheren Löhnen zu tun“

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, zum Vorstoß des Arbeitgeberverbands, sich aus der Tarifbindung zu verabschieden.

Herr Fratzscher, ist die IG Metall maßlos in ihren Lohnforderungen?

Marcel Fratzscher: Nein. In der Metall- und Elektroindustrie wird sicher gut verdient. Auch im internationalen Vergleich. Zugleich ist diese Branche aber sehr wettbewerbsfähig. Der aktuelle Tarifvertrag dort sieht eine Lohnsteigerung um 4,3 Prozent, plus Sonderzahlungen, über eine Laufzeit von 27 Monaten vor.

Dennoch verabschieden sich immer mehr Unternehmen aus der Tarifbindung. Wie erklären Sie sich das?

Fratzscher: Es ist eine verhängnisvolle Entwicklung, dass in Deutschland inzwischen nur noch etwa die Hälfte aller Arbeitsverträge einem Tarifvertrag unterliegt. Das Aufkündigen solcher Verträge führt dazu, dass die Schwächsten noch mehr geschwächt werden. Der Verfall der Sozialpartnerschaft ist der zentrale Grund für den riesigen Niedriglohnbereich.

Die Tariflöhne sind zuletzt deutlich gestiegen. Das macht vielen Betrieben offenbar sehr zu schaffen.

Fratzscher: Zweifellos gab es in den letzten Jahren hohe Lohnsteigerungen, durch den Mindestlohn auch am unteren Ende der Einkommensskala. Aber bei der längerfristigen Lohnentwicklung liegt Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt, obwohl die wirtschaftliche Entwicklung bei uns alles andere als unterdurchschnittlich war. Der Anteil der Wirtschaftsleistung, der an die Beschäftigten per Lohnzahlung geht, ist in Deutschland mittlerweile stärker gesunken als in fast allen anderen Industrieländern. Insofern haben wir hier auch einen Nachholbedarf.

Die Konjunktur hat sich eingetrübt. Wird auch die Luft für hohe Tarifabschlüsse dünner?

Fratzscher: Ich sehe keinen Grund, dass sich Gewerkschaften in Lohnzurückhaltung üben sollten.  Die konjunkturelle Abschwächung hat nichts mit hohen Lohnabschlüssen zu tun, sondern mit globalen Handelskonflikten, dem Brexit und Unsicherheiten in Italien. Durch geringere Lohnanpassungen würden  Exporte nicht steigen. vet

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