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#Brexit: Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit

#Brexit : Die wirtschaftlichen Folgen des Brexit

London. Der größte Schock nach dem Brexit-Votum scheint überwunden: Die „Black Friday“-Stimmung, die am Freitagmorgen für heftige Turbulenzen an den Finanzmärkten gesorgt hatte, hat sich zumindest etwas gelegt.

Die Börsen verringerten im Handelsverlauf europaweit ihre heftigen Verluste und mit ihnen auch der deutsche Aktienmarkt. Manch einer hoffe bereits auf die helfende Hand der Notenbank, hieß es am Markt. Der Dax gab bis zur Mittagszeit zwar noch um 6,69 Prozent auf 9570,54 Punkte nach, konnte aber einen kleinen Teil seines fast neunprozentigen Gewinns der letzten 10 Handelstage retten. Kurz nach Handelsstart war der Leitindex noch um rund 10 Prozent oder mehr als 1000 Punkte eingebrochen und auf den tiefsten Stand seit Februar gefallen. Solche Verluste hatte es zuletzt während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 gegeben.

Die in Deutschland vertretenen britischen Unternehmen fürchten nach dem Brexit um ihr Geschäft und um Arbeitsplätze. Der Austritt werde negative wirtschaftliche Folgen haben, erklärte am Freitag der Geschäftsführer der Britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG), Andreas Meyer-Schwickerath. Er betonte die wirtschaftliche Verflechtung mit Deutschland. Der Austritt werde aber auch den politischen Druck auf die EU für Reformen erhöhen, um ein Auseinanderbrechen der Union zu verhindern. Auch die Deutschen erwarteten nachhaltige Reformen.

Der britische Notenbankenchef Mark Carney hat nach dem Votum für den Brexit die Bereitschaft der Notenbank zur Stabilisierung der Märkte betont. Die Bank of England werde nicht mit zusätzlichen Maßnahmen zögern, sagte Carney am Freitagmorgen in einer Fernsehansprache. Man sei bereit, mehr als 250 Milliarden Pfund bereitzustellen, um die Funktionsfähigkeit der Märkte aufrechtzuerhalten. Dabei werde man auf die üblichen Instrumente zurückgreifen. Die Notenbank sei gut auf den Brexit vorbereitet. Man werde im Laufe der kommenden Wochen die wirtschaftlichen Bedingungen bewerten.

Der Entscheidung der Briten für ein Verlassen der EU hat den europäischen Börsen einen tiefroten Handelsstart beschert. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verlor am Freitagmorgen 9,94 Prozent, die Börse in London startete mit einem Minus von 7,5 Prozent. In Paris rutschten die Kurse um fast acht Prozent ab, in Wien und Lissabon waren es jeweils rund zehn Prozent. Besonders stark waren Papiere von Banken betroffen. Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank brachen um jeweils knapp 17 Prozent ein, in London verloren wichtige Bankentitel fast 30 Prozent an Wert. Zuvor waren bereits die asiatischen Märkte auf Talfahrt gegangen; die Börse in Tokio schloss 7,92 Prozent im Minus. Während der Ölpreis nachgab, war Gold so teuer wie zuletzt vor mehr als zwei Jahren. Das britische Pfund rutschte auf knapp 1,33 Dollar ab und erreichte damit den tiefsten Stand seit 1985.

Die Kursschwankungen nach dem Votum für den Brexit sollten Anleger nicht zu überstürztem Handeln veranlassen. Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) rät zu Gelassenheit: Er rechne zwar auch in den kommenden Tagen mit „mittleren Börsenbeben“. Langfristig sollten die Auswirkungen des Brexits für Anleger aber gering ausfallen, erwartet Kurz.

Als Reaktion auf die Brexit-Entscheidung hat sich China schnelle Austrittsverhandlungen Großbritanniens mit den verbleibenden 27 EU-Staaten gewünscht. China hoffe, „dass Großbritannien durch Verhandlungen mit der EU schnell eine Vereinbarung treffen kann, die zu einem prosperierenden und stabilen Europa führt“, sagte am Freitag ein Sprecher des Außenministeriums in Peking.

Das russische Außenministerium reagierte vorsichtig: An den seit Jahren gespannten Beziehungen zwischen London und Moskau werde sich kaum etwas ändern. Wegen der Brexit-Nachricht aus London fielen die Aktienkurse an der Moskauer Börse um 3,5 Prozent. Im Devisenhandel legte der US-Dollar um zwei Rubel auf 65,88 Rubel zu, der Euro blieb nahezu unverändert bei 72,70 Rubel.

Die Finanzmärkte in Ostasien und Australien haben am Freitag mit heftigen Verlusten auf die Brexit-Entscheidung der Briten reagiert. Die stärksten Kursabschläge verzeichnete der Nikkei-Index in Tokio, der mit einem Minus von 7,9 Prozent bei 14 952 Punkten aus dem Handel ging. Auch die Aktienkurse an der Börse in Seoul brachen angesichts der Sorge um die globalen Folgen des Brexit ein. Der Kospi-Index fiel um rund drei Prozent auf 1925,24 Zähler. Zum Handelsstart hatte der Kospi zunächst noch leicht zugelegt.

Nach der historischen Brexit-Wahl ist der indischen Aktienmarkt deutlich geschwächt in den Handel gestartet. Die beiden wichtigen Indizes Sensex und Nifty verloren schon in den ersten Minuten nach Handelsstart fast vier Prozent an Wert. Auch die indische Rupie fiel um deutlich mehr als ein Prozent, bis die indische Notenbank RBI mit Stützkäufen eingriff.

Die deutsche Industrie rechnet nach der Brexit-Entscheidung mit „harten und unmittelbaren“ Einschnitten im Handel mit Großbritannien. „Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Markus Kerber.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird bei möglichen Turbulenzen an den Märkten nach dem britischen Brexit-Referendum notfalls eingreifen. „Die EZB steht bereit, falls nötig, zusätzliche Liquidität in Euro oder ausländischen Währungen zur Verfügung zu stellen“, erklärte die Notenbank am Freitag in Frankfurt.

Europas größter Autobauer Volkswagen sieht in den möglichen Konsequenzen des britischen EU-Austritts größere Unsicherheiten, hält die Folgen aber für wahrscheinlich beherrschbar. „Es ist zu früh, alle Auswirkungen auf die Aktivitäten des Unternehmens zu bewerten“, hieß es am Freitag aus der Konzernzentrale in Wolfsburg. Man sei jedoch gut aufgestellt, um VW „an sich verändernde wirtschaftliche und politische Umstände anzupassen“. Für das größte deutsche Unternehmen sei das Vereinigte Königreich der zweitwichtigste Einzelmarkt in Europa. Auch die Produktion der Tochter Bentley ist dort angesiedelt.

BMW hat betont zurückhaltend auf die Entscheidung der britischen Wähler reagiert, die EU zu verlassen. „Die Konsequenzen dieser Entscheidung sind heute noch nicht absehbar. Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt“, teilte der Autokonzern am Freitag in München mit. „Wir erwarten jedoch zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien.“

Der stark mit der britischen Wirtschaft verflochtene Autohersteller Opel setzt sich für eine schnelle Klärung der künftigen Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich ein. Während der Verhandlungen müsse der Handel weiter vom freien Verkehr von Waren und Personen profitieren, teilte der Europa-Ableger des US-Konzerns General Motors am Freitag am Stammsitz Rüsselsheim mit. Über seine Schwestermarke Vauxhall verkauft Opel in Großbritannien so viele Autos wie sonst in keinem anderen Land Europas. Im vergangenen Jahr waren es 311 000 von mehr als 1,11 Millionen abgesetzten Autos. In den beiden britischen Werken Ellesmere Port und Luton montieren deutlich über 3000 Beschäftigte die Opel/Vauxhall-Modelle Astra und Vivaro. Das ist ein knappes Zehntel der Opel-Gesamtbelegschaft.

Die Ölpreise haben am Freitag im frühen Handel angesichts des drohenden Austritts der Briten aus der Europäischen Union deutlich verloren. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im August kostete am Morgen 47,92 US-Dollar. Das waren gut 5,87 Prozent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im August fiel zuletzt 6,03 Prozent auf 47,09 US-Dollar.

Sobald Großbritannien kein EU-Mitglied mehr ist, könnten auf Reisende dort höhere Mobilfunkkosten zukommen. Denn innerhalb der EU sollen 2017 zwar die Roaming-Kosten komplett entfallen. Für Großbritannien müssen Mobilfunkanbieter diese Vorgabe nach dem Brexit aber theoretisch nicht umsetzen, erklärt Thorsten Neuhetzki vom Telekommunikationsportal „Teltarif.de“. „Unter Strich könnte das Telefonieren und Surfen für Mobilfunkkunden in Großbritannien nach dem Brexit teurer werden“, erwartet der Experte. dpa