Interview: DGB-Chef: „Flexibilität wird von vielen Unternehmen missbraucht“

Interview : DGB-Chef: „Flexibilität wird von vielen Unternehmen missbraucht“

Berlin. An diesem Sonntag startet in Berlin der 21. DGB-Bundeskongress, auf dem sich Reiner Hoffmann zur Wiederwahl als Vorsitzender der Gewerkschaftsdachverbands stellen will.

Mit dem 62-jährigen Chefgewerkschafter, der 2014 in dieses Amt kam, sprach unser Korrespondent Stefan Vetter über aktuelle Herausforderungen der sich wandelnden Arbeitswelt.

Herr Hoffmann, was war der größte Erfolg Ihrer bisherigen Amtszeit?

Reiner Hoffmann: Die Rentenkampagne des DGB, die jetzt erste Früchte trägt.

Und Ihre größte Niederlage?

Reiner Hoffmann: Dass die Politik die Mitbestimmung in den Betrieben nicht modernisiert hat, und der Niedriglohnsektor noch viel zu groß ist.

Trägt der DGB daran nicht auch eine Mitschuld? Schließlich sitzt Ihr Dachverband in der Kommission zur Festlegung des Mindestlohns. Aber der ist nicht existenzsichernd.

Reiner Hoffmann: Im Juni steht die nächste Sitzung der Kommission an. Und da werden wir uns für eine spürbare Erhöhung des Mindestlohns stark machen. Die Mindestvergütung soll sich laut Gesetz an den jeweils letzten Tariferhöhungen orientieren, aber auch an der allgemeinen Wirtschaftslage. Und die ist extrem gut. Also muss es auch einen ordentlichen Zuschlag geben. Wir sehen das als ersten Schritt, um zu einem existenzsichernden Mindestlohn zu kommen.

Die Zahl der DGB-Gewerkschaftsmitglieder ist 2017 erstmals unter die Sechs-Millionen-Marke gefallen. Woher rührt diese Entwicklung?

Reiner Hoffmann: Das ist ein Wermutstropfen. Zum einen hat das mit der Alterung unserer Mitglieder zu tun. Die Demografie macht auch vor den Gewerkschaften nicht halt. Zwar treten im Schnitt 850 Menschen pro Tag in unsere acht Einzelgewerkschaften ein. Aber das reicht eben nicht. Und das wiederum hat viel mit der sich stark verändernden Wirtschaftsstruktur im Land zu tun.

Das müssen Sie erklären.

Reiner Hoffmann: Heute manchen nur noch 50 Prozent der jungen Leute eine duale Berufsausbildung. Und nicht wie früher 75 Prozent. Die andere Hälfte studiert. Im Hochschulbereich sind wir aber deutlich schlechter vertreten. Zugleich ist der Industriesektor geschrumpft, in dem Gewerkschaften traditionell stark sind. Dafür wächst die Dienstleistungsbranche, wo häufig prekär Beschäftigte arbeiten. Wer wenig verdient, befristet arbeitet und oft den Job wechseln muss, organisiert sich leider seltener.

Wie können Gewerkschaften wieder attraktiver werden?

Reiner Hoffmann: Gewerkschaften sind zum Beispiel dort attraktiv, wo es Betriebsräte gibt — insgesamt sind es derzeit 180.000 Betriebsräte. Wir erleben aber, dass immer mehr Unternehmen versuchen, Betriebsräte zu verhindern. Mitarbeitern wird mit Entlassung gedroht, wenn sie einen Betriebsrat gründen wollen. Für solche Fälle muss der Gesetzgeber den Kündigungsschutz deutlich verbessern.

Die Arbeitgeber wollen mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten. Ist das nicht eine logische Konsequenz der digitalen Arbeitswelt?

Reiner Hoffmann: Nein. Denn die Arbeitszeiten sind bereits extrem flexibel. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 1,7 Milliarden Überstunden geleistet. Die Hälfte davon wurde nicht bezahlt. So betrachtet wird die Flexibilität von vielen Unternehmen missbraucht. Und wo ordentliche Tarifverträge existieren, werden vielfältige Arbeitszeitmodelle realisiert, von denen auch die Beschäftigten profitieren. Eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes ist deshalb überflüssig, das lehnen wir strikt ab.

Als SPD-Mitglied haben Sie nach der Bundestagswahl eine große Koalition favorisiert. Erfüllt Schwarz-Rot jetzt Ihre Erwartungen?

Reiner Hoffmann: Ein paar unserer Forderungen wie etwa die Stabilisierung des Rentenniveaus oder das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit wurden tatsächlich im Koalitionsvertrag aufgegriffen. Aber vieles fehlt.

Was vermissen die Gewerkschaften besonders?

Reiner Hoffmann: Wirksame Maßnahmen, um die Tarifbindung zu stärken. So muss es leichter werden, die Blockade von Arbeitgebern gegen eine Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zu brechen.

Das bedeutet konkret?

Reiner Hoffmann: Bislang muss die Allgemeinverbindlichkeit mit der Mehrheit der Stimmen in einer Tarifkommission beschlossen werden. Wir wollen, dass die Allgemeinverbindlichkeit nur noch mehrheitlich abgelehnt werden kann. Zugleich muss ein Tarifvertrag in Unternehmen, die aus dem Arbeitgeberverband austreten, so lange weiter gelten, bis ein neuer Tarifvertrag zustande gekommen ist. Hier muss Schwarz-Rot über den Koalitionsvertrag hinaus handeln.

Im Falle Ihrer Wiederwahl würden Sie über Ihr reguläres Renteneintrittsalter hinaus arbeiten. Dabei kämpft der DGB doch für eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit…

Reiner Hoffmann: Irrtum. Wir sind dafür, dass die Menschen gesund möglichst lange durchs Erwerbsleben gehen — und dagegen, wenn sie gezwungen werden, länger zu arbeiten als sie möchten. Ich bin zum Glück gesund und möchte noch ein paar Monate dranhängen, wenn ich wieder gewählt werde.

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