Chevrolet verlässt Europa

Chevrolet verlässt Europa

General Motors zieht bei der erfolglosen Tochter die Reißleine — und macht damit den Weg frei für Opel.

Rüsselsheim. Erst im März hat Karl-Thomas Neumann das Ruder beim kriselnden Autobauer Opel übernommen. Seither hat sich viel getan: Die Verluste sinken und erstmals seit 15 Jahren verliert die Marke in Europa keine Marktanteile mehr. Die konzernweiten Verkäufe auf dem Riesenmarkt Russland werden ab 2014 von Rüsselsheim statt aus Schanghai gesteuert. Zudem soll der sportliche Geländewagen Mokka künftig in Spanien statt in Korea vom Band laufen. Das verringert die Überkapazitäten der Opel-Werke.

Nun kann Neumann einen weiteren Erfolg verbuchen: Die Schwestermarke Chevrolet zieht sich Ende 2015 aus Europa zurück und überlässt der Traditionsmarke Opel das Feld. Damit wird der konzerninterne Markenkannibalismus beendet. „Wir haben immer mehr Vertrauen in Opel in Europa und konzentrieren unsere Ressourcen in diese Marke“, sagt GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky. Von 2016 an werde Chevrolet in Europa nur noch US-Ikonen wie die Corvette verkaufen.

„Das ist ein Vertrauensbeweis für Opel und Neumann“, sagt Experte Stefan Bratzel. GM habe sich ohnehin schwer damit getan, die Marken Opel und Chevrolet getrennt voneinander zu positionieren. „Die Idee war, Chevrolet als Billigmarke auftreten zu lassen. Aber in den Augen der Leute ist Opel auch keine Premiummarke.“ Bratzel ist überzeugt: Der Rückzug von Chevy wird das Leben von Opel erleichtern, auch wenn nicht jeder Chevy-Kunde sich künftig einen Opel kaufen werde.

Chevrolet in Europa war nie eine Erfolgsgeschichte. Die meist in Korea gebauten Kleinwagen kamen Mitte der 1990er Jahre zunächst unter dem Namen Daewoo nach Europa — die GM-Tochter versuchte ihr Glück mit Kopien alter Opel-Modelle wie dem Kadett, der Dawoo Nexia hieß und in Südkorea vom Band lief. 2005 bekam die Marke das Emblem von Chevrolet verpasst. Analyst Frank Schwope von der NordLB hält dies für einen Riesenfehler: „Europäer denken bei dem Namen Chevrolet an Dickschiffe.“

Die Massen begeistern konnte Chevrolet auf dem alten Kontinent nie. Der Marktanteil stieg kaum über ein Prozent. In den ersten zehn Monaten verkaufte Chevrolet in Europa 126 000 Fahrzeuge — 17 Prozent weniger als im Vorjahr. „Die Finanzergebnisse sind inakzeptabel“, sagt Opel-Aufsichtsratschef Girsky. Deshalb zieht GM die Reißleine.

Leidtragende sind die Chevrolet-Händler, die schockiert reagieren. „Die Auswirkungen auf den Verkauf von Chevrolet-Modellen sind verheerend“, sagt der Sprecher des Verbandes Deutscher Opel- und Chevrolet-Händler in Deutschland, Thomas Bieling. „Sobald diese Meldung draußen ist, kauft kein Mensch mehr einen Chevy — oder nur noch mit hohen Rabatten.“ Für Chevrolet-Besitzer soll sich nichts ändern: Die Garantien gelten weiter und Ersatzteile soll es bis 2025 geben.

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