Interview: Barmer-Chef Straub: „Wir haben keine Zweiklassenmedizin“

Interview : Barmer-Chef Straub: „Wir haben keine Zweiklassenmedizin“

Barmer-Chef Christoph Straub über den Abbau von Stellen, die Beteiligung der Firmen an den Gesundheitskosten und warum seine Kasse die Ausgaben für Homöopathie trägt. (1/2)

Düsseldorf. Die Barmer steckt mitten in der Neuausrichtung. Mit mehr Digitalisierung und weniger Mitarbeitern will die zweitgrößte deutsche Krankenkasse am Markt bestehen. Wir sprachen mit Vorstandschef Christoph Straub.

Foto: Sergej Lepke

Herr Straub, die Barmer und ihr Fusionspartner, die Deutsche BKK, verlieren Versicherte. Der Marktführer, die Techniker Krankenkasse (TK), legt dagegen zu. Was machen Sie falsch?

Foto: Sergej Lepke

Christoph Straub: Wir stecken mitten in der Restrukturierung, um zu einem stabilen, organischen Wachstum zurückzukehren. Unser Ziel ist allerdings nicht, die günstigste Kasse zu sein, sondern die mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis.

Was heißt das konkret?

Straub: Bei uns kann beispielsweise der Versicherte seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung mit dem Smartphone abfotografieren und uns das Bild schicken. Diesen Service bieten nur wir. Vorreiter sind wir auch mit einer App, mit der man seine Hörfähigkeit überprüfen und verbessern kann. Vor allem junge Erwachsene hören oft zu lange zu laute Musik. Unser modernes Angebot erkennt Hörprobleme und leistet Abhilfe.

Was bedeutet diese Digitalisierung der Abläufe für die Zahl der Mitarbeiter insgesamt und den Standort Wuppertal?

Straub: Wuppertal ist unsere Hauptverwaltung und bleibt es auch. Dort arbeiten etwa 1600 Mitarbeiter. Am juristischen Hauptsitz in Berlin haben wir rund 30 Beschäftigte. In der Tendenz nimmt die Zahl der Mitarbeiter weiter ab. Derzeit hat die Barmer nach der Fusion mit der Deutschen BKK bundesweit etwa 16 300 Vollzeitstellen, mit Abschluss der Restrukturierung werden es vermutlich rund 15 000 sein.

Ist es das Ziel der Barmer, bei der Zahl der Versicherten wieder ganz vorne in Deutschland zu sein?

Straub: Nein, darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist es, eine gewisse Größe zu haben, um Innovationen anbieten zu können, zum Beispiel beim Service. Da können und wollen wir führend sein.

Die Gesundheitskosten wachsen schneller als die Wirtschaft insgesamt. Was heißt das für die Beiträge?

Straub: Derzeit haben wir in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) einen durchschnittlichen Beitragssatz von 15,7 Prozent. Im Laufe des Jahres wird er wohl um 0,2 Prozentpunkte steigen. 2018 geht es schätzungsweise um 0,3 Punkte nach oben, wenn die Politik nicht gegensteuert. Dieser Trend zu höheren Beiträgen wird sich sicher noch verstärken.

Warum ist das so?

Straub: Eine wichtige Ursache für diese Entwicklung ist weniger der demografische Wandel, auch wenn das oft behauptet wird. Maßgebend ist der medizinische Fortschritt. Zum Beispiel sind heute bestimmte Chemotherapien auch bei älteren Patienten möglich, ebenso komplexe Operationen. Wir alle begrüßen diesen Fortschritt, aber er ist eben auch teurer.

Diese höheren Kosten tragen derzeit allein die Arbeitnehmer über den Zusatzbeitrag. Kann das so bleiben?

Straub: Nein, das sollte nicht so bleiben. Tatsache ist, dass die Ausgaben in der GKV steigen werden, weil wir gute medizinische Versorgung für alle wollen. Und es kann nicht sein, dass diese zusätzlichen Kosten nur von den Arbeitnehmern getragen werden. Wir brauchen wieder eine stärkere Beteiligung der Arbeitgeber an der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Ist die Bürgerversicherung, die nach Angaben des Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach Teil des SPD-Programms zur Bundestagswahl sein wird, eine gute Idee?

Straub: Die Bürgerversicherung ist ein komplexes Vorhaben, über das auch nach der Bundestagswahl noch intensiv diskutiert wird. Der geteilte Versicherungsmarkt — hier die gesetzlichen Kassen, dort die Private Krankenversicherung (PKV) — ist jedenfalls in dieser Form nicht mehr zeitgemäß.


Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews: Barmer-Chef Straub: „Bei Privatpatienten besteht die Gefahr der Überversorgung."

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