NRW: Aus für Kohle kostet 220 Millionen pro Jahr - für immer

NRW: Aus für Kohle kostet 220 Millionen pro Jahr - für immer

Mit dem Abschied von der Kohle fallen neue Kosten an. 220 Millionen Euro pro Jahr — für immer. Zumindest, so lange Menschen im Ruhrgebiet und am Niederrhein leben wollen und die Flüsse vor- statt rückwärts fließen sollen.

Dortmund/Düsseldorf. Ab dem kommenden Jahr ist der Moderator des Dortmunder „Geierabends“ der letzte aktive Steinkohlen-Kumpel Deutschlands. „Der Steiger“, beim alternativen Ruhrpott-Karneval auf Zeche Zollern seit Jahren gespielt von Martin Kaysh, leitet im aktuellen Programm „Bye Bye Bottrop“ den Beginn einer neuen Ära ein. „Kein Grund zum Heulen: Die Kohle geht, die Kumpels bleiben. Bald sind die Geier die Letzten, die noch zur Schicht auf Zeche anfahren.“

Foto: StandOut.de

Dann beginnt die Ewigkeit, und sie wird ein Vermögen kosten. „Verantwortung für Generationen“, nennt das der Gesamtverband Steinkohle, was viel netter klingt als 220 Millionen Euro Kosten pro Jahr ab dem Jahr 2019, wenn die beiden letzten Zechen stillgelegt sind. „Pro Jahr“ heißt: Für immer. Zumindest, so lange Menschen im Ruhrgebiet und am Niederrhein leben wollen und die Flüsse vor- statt rückwärts fließen sollen.

Neben den Bergschäden (derzeit: 25 500 pro Jahr) an Häusern und Bauwerken sowie der ständigen Gefahr von sich auftuenden Kratern in Straßen und Kanälen in der Nähe von 7400 sogenannten Tagesöffnungen (dort wurde früher Kohle in Nähe zur Erdoberfläche abgebaut) ist das Hauptproblem flüssig, dünn, schnell und bisweilen listig: Wasser.

Durch den Steinkohlen-Bergbau unter Tage sind riesige Landstriche an Rhein, Ruhr und Saar soweit abgesenkt worden, dass sie ohne den Dauerbetrieb von Pumpen volllaufen würden wie ein gigantischer See. Geologisch haben rund 200 Jahre Bergbau zum Beispiel zwischen Krefeld und Xanten einen gigantischen Binnen-Polder hinterlassen, der ohne die rund 200 Pumpen der Linksniederrheinischen Entwässerungs-Genossenschaft, die rund um die Uhr laufen müssen, bereits heute nicht mehr bewohnbar wäre, sondern im Grundwasser unterginge.

Obwohl die RAG (früher: Ruhrkohle AG) nur noch die beiden Bergwerke Prosper-Haniel in Bottrop und RAG Anthrazit in Ibbenbüren betreibt, muss sie jährlich 70 Millionen Kubikmeter Grubenwasser in Lippe, Emscher, Ruhr und Rhein pumpen. Zum Vergleich: Diese 70 Milliarden Liter entsprechen ungefähr dem Trinkwasserverbrauch aller 80 Millionen Deutschen innerhalb einer Woche. Um diese Wassermassen zu bändigen, werden derzeit 13 sogenannte Wasserhaltungen in den Steinkohlerevieren an der Ruhr unterhalten. Um Kosten zu sparen, sollen es künftig nur noch sechs sein.

Zu deutsch: Es sollen weniger Pumpen laufen. Und in der Beschreibung des Gesamtverbands Steinkohle klingt das alles auch ganz harmlos: „Um das Grubenwasser nur noch an wenigen zentralen Standorten zu heben, bedarf es eines Anstiegs des Grubenwassers, um untertägige Verbindungswege zu nutzen. Dazu muss im Ruhrgebiet die durchschnittliche Pumphöhe angehoben werden.“

Das bedeutet: Anders, als im aktuellen „Geierabend“—Programm, wo die ollen Stollen als Endlager für Facebook-Hassmails genutzt werden, will die RAG die Stollen volllaufen und das teils mit Salzen und Giftstoffen wie PCB belastete Grubenwasser sich in höhere Schichten ausdehnen lassen, um es billiger wegpumpen zu können. Es soll aber nicht näher als 150 Meter an wichtige Trinkwasservorkommen herankommen.

Bezahlen will die RAG die Kosten für diese Ewigkeitsschäden aus eigenen Mitteln. Dazu wurde 2007 die „RAG-Stiftung“ gegründet und zunächst mit üppigen Konzernbeteiligungen ausgestattet. Aus ihren Erlösen sollen die Ewigkeitskosten bestritten werden. Im April 2017 meldete die Stiftung, die Finanzierung der Ewigkeitsaufgaben gut ein Jahr vor Ende des Steinkohlenbergbaus als „langfristig gesichert“, die Idee der Stiftung habe sich „als Erfolgsmodell erwiesen“. Die Rückstellungen für die Ewigkeitslasten habe man 2016 um weitere 393 Millionen auf über 4,8 Milliarden Euro erhöht und seit Stiftungsbeginn rund 30 Millionen Euro an Fördermitteln an die Bergbauregionen ausgeschüttet.

Und so überwiegen im Schließungsjahr derzeit Rührung und Stolz vor dem endgültigen Abschied von der Bergbautradition, die 2018 immerhin noch mehr als eine Milliarde Euro Subventionen aus öffentlichen Kassen erhält. Auch Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), selbst Bergmannssohn, stellte das Ende der Steinkohlen-Zeit in den Mittelpunkt seiner ersten Neujahrsansprache und forderte: „Diese Tugenden der Bergleute, die müssen wir uns bewahren, auch wenn die letzte Schicht gefahren ist.“

Mit den Ewigkeitskosten wird zumindest die Sprache des Ruhrgebiets noch eine Weile die Zechen überleben, wie Sandra Schmitz bei jeder „Geierabend“-Aufführung das Publikum fachkundig unterrichtet: „Auffe Zeche, aum Pütt, vonne Schule, nache Arbeit, auffe Schicht, nach Untertage, im Streb, inne Dunkelheit, am Malochen, vor Kohle, mitte Kumpels, anne Schüppe, zum Ende, vorrer Rente, aus, zu, vorbei, bisse im Arsch... Ist datt denn so schwer?“