Analyse: Die Gaskrise beflügelt Europas Atompläne

Analyse: Die Gaskrise beflügelt Europas Atompläne

Immer mehr Länder in der EU setzen auf Kernkraft, um unabhängiger von Russland zu werden.

Brüssel. Frankreich, Polen, Bulgarien, Großbritannien und andere EU-Länder preschen vor und wollen neue Atomreaktoren bauen. Folgt auf die von Russland und der Ukraine verschuldete Gaskrise in Europa nun der Startschuss für einen gewaltigen Ausbau der Atomkraft auf dem alten Kontinent? Das ist eine zentrale Frage, die sich am Donnerstag in Berlin die Atomexperten bei der Wintertagung des Deutschen Atomforums stellen. Die Zielmarke der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) lautet: 320 neue Reaktoren bis zum Jahr 2030 weltweit.

Frankreichs Staatspräsident Sarkozy kündigte am 30. Januar den Bau eines neuen Druckwasser-Reaktors am Ärmelkanal bei Dieppe an. Vor wenigen Tagen stimmten die Abgeordneten im Europäischen Parlament mehrheitlich für "einen Investitionsfahrplan für die Kernenergie", wie es die CSU-Abgeordnete Angelika Niebler zufrieden vermerkt.

Diesen Schachzug hat die Französin Anne Laperrouze vorbereitet, eine Verfechterin der Atomkraft - gegen Grünen-Politiker wie Rebecca Harms, die nun "neue Atomsubventionen" fürchtet. "Ohne Milliardenhilfen aus staatlichen Kassen" würde es keine neuen Reaktoren geben, ist Harms sicher.

Auch wer auf die explodierenden Uranpreise auf dem Weltmarkt blickt, würde an einer "zweiten Atomkraft-Renaissance" zweifeln. Das erneute "Absaufen" der zweitmächtigsten Uranmine der Welt in Kanada am Zigarren-See (Cigar Lake) hat zu einer enormen Uran-Preissteigerung geführt. Die gewaltige Mine wird wegen Wassereinbrüchen in den Jahren 2006 und 2008 nun lange Jahre kein Uran mehr liefern.

Auch im Bundestag bewerten SPD- und Grünenpolitiker die Atom-Antwort auf die Gaskrise als kurzsichtig. "Ab Mitte des kommenden Jahrzehnts wird es eine Krise bei der Versorgung mit Uran geben", so Marco Bülow, der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Immer gewaltigere Gesteinsmengen müssten in Uran-Minen geschürft werden, weil dort die Konzentration des Spaltstoffes immer schwächer werde.

Tatsächlich spekulieren Börsianer inzwischen auf die "Uran-Rallye". Nachdem sich in Kanada das Desaster in der Zigarren-See-Mine ereignet hat, verzeichneten der Urankonzern Cameco und das ebenfalls beteiligte französische Atomunternehmen Areva einen sprunghaften Preisanstieg von 47 US-Dollar pro Pfund Uran auf 120 US-Dollar. Im Jahr 2000 waren es noch acht US-Dollar pro Pfund.

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