ADAC: Autobauer haben sich beim Abgastest verzockt

ADAC: Autobauer haben sich beim Abgastest verzockt

Das neue Prüfverfahren WLTP bringt die Auto-Hersteller ins Schleudern. Weil die Freigabe fehlt, werden Neuwagen auf Halde produziert.

Düsseldorf. Nach Ansicht des ADAC Nordrhein haben die Autobauer ihre zum Teil erheblichen Lieferprobleme selbst verschuldet. „Die Hersteller wussten, welche neuen Abgasnormen auf sie zukommen. Sie hätten viel früher reagieren können und haben sich eindeutig verpokert“, sagt Heinz-Gerd Lehmann, Technikexperte des ADAC Nordrhein, auf Nachfrage dieser Zeitung.

Diese Einschätzung teilt Stefan Bratzel, Branchenexperte von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach: „Aus meiner Sicht war es tatsächlich ein Managementfehler, man hat sich nicht die Zeit genommen, rechtzeitig die Anpassung an die neuen Vorschriften zu planen.“

Worum geht es? Ab September ist das neue Prüfverfahren WLTP (Worldwide Harmonized Light Vehicle Text Procedure) für alle Neuwagen verbindlich. Ziel ist es, beim CO2-Ausstoß und dem Verbrauch Werte zu ermitteln, die realistischer sind als bisher. Der Automobilverband VDA hält einen Anstieg um 20 Prozent für möglich. Gleichzeitig kritisiert er, die Umstellung auf WLTP sei „überhastet“ erfolgt. Die Hersteller hätten erst vor elf Monaten die Verfahrensbeschreibung erhalten, „ein relativ kurzer Zeitraum“, meint VDA-Präsident Bernhard Mattes.

Das beurteilt ADAC-Experte Lehmann anders: „Die Hersteller haben gehofft, dass die Politik ihnen bei der Umstellung auf WLTP mehr Zeit lässt. Aber: Die EU hält streng an ihrem Zeitplan fest.“ Die Kapazitäten in den Prüflaboren seien ausgeschöpft, deshalb gehe es jetzt nur in kleinen Schritten voran.

Anders als beim bisherigen Verfahren werden bei WLTP verschiedene Ausstattungsstufen, Karosserievarianten und Reifen getestet. Der Aufwand für die Hersteller ist also erheblich größer. Und weil viele Freigaben noch nicht erteilt sind, müssen Kunden auf Wunschautos lange warten. Audi und Porsche nennen für viele Modelle keine Liefertermine mehr, VW stellt Ende des Jahres in Aussicht. Der Wolfsburger Konzern will bis zu 250 000 Autos auf Halde produzieren und später ausliefern. Ein Teil dieser Neuwagen wird auf dem Berliner Pannenflughafen BER geparkt.

Probleme mit WLTP haben nicht nur die deutschen Hersteller. Laut ADAC sieht es auch bei Skoda, Seat, Nissan oder Mitsubishi nicht gut aus. Bei Renault heißt es, dass die WLTP-Zertifizierung noch nicht für alle Modelle vorliege.

Schwierigkeiten bereitet es manchen Autobauern, die verschärften Abgasbedingungen für Benziner einzuhalten. Neuwagen mit Ottomotoren müssen ab September ihre Partikelzahl radikal reduzieren, um die Norm Euro 6d Temp zu erfüllen. Neben dem Ottopartikelfilter ist dazu eine neue Motorsteuerung notwendig. Das dürfte auch der Grund sein, warum der 7er BMW als Benziner bis zur Modellüberarbeitung im nächsten Jahr in Europa nicht mehr bestellbar ist.

Welche Modelle, die die Norm Euro 6d Temp erfüllen, momentan und in naher Zukunft verfügbar sein werden, zeigt eine ADAC-Liste, die laut Automobilclub im Netz ständig aktualisiert wird und auf adac.de abrufbar ist.

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