Von den schönen und nicht so schönen Türen in Düsseldorf

Stadt-Teilchen : Der kleine Prinz

Mehr Engagement für die Entrée-Bereiche: Das fordert unser Gastautor Hans Hoff nach einem Streifzug durch die Stadt.

Einmal Prinz sein. Es gibt Menschen, die träumen ein Leben lang davon. Denen sage ich: Ihr Verlierer. Strebt schön weiter, ich habe das lange schon hinter mir gelassen. Ich war schon Prinz, als ihr noch nicht einmal in den feuchten Träumen eurer Eltern vorkamt. Ja, ich war Prinz, und wie ich heute finde, ein sehr hübscher, ein sehr anmutiger. Ich habe Schneewittchen geküsst und aus dem Koma erlöst. Ich durfte Schneewittchen aus der Gruft führen, und hinterher gab es Kuchen für das große Schneewittchen und den sehr kleinen Prinzen.

Ich hatte dieses glorreiche Erleben lange verdrängt, aber kürzlich kam es mir wieder in den Sinn, als ich durch Oberkassel streifte und plötzlich vor der evangelischen Kirche an der Arnulfstraße stand. Irgendetwas zog mich in dem Moment nach links, und plötzlich stand ich vor einem Treppenabgang, und an dessen unterem Ende war eine Tür, eine Tür, die ich kannte, weil ich sie so oft durchschritten hatte, weil ich hinter dieser Tür Prinz sein durfte, oder besser gesagt, Prinz sein musste.

Genau hier war ich früher in den Kindergarten gegangen, damals, bevor ich ein Bilker Junge wurde. Ich weiß noch, dass ich immer herumgequengelt habe, damit meine Mutter mich schon ganz früh in den Kindergarten bringt. Ganz früh waren nämlich die coolen Jungs noch nicht da, und ich konnte in Ruhe mit der Holzeisenbahn spielen. Ganz allein. Ich konnte bestimmen, wohin die Züge fuhren. Dann kamen die coolen Jungs, gaben mir mit einem Schubs zu verstehen, wer die Bestimmer sind, und dann trollte ich mich. Ich war einfach zu niedlich für die Welt der coolen Jungs.

WZ-Kolumnist. Foto: NN

Ich wollte natürlich ganz genau wissen, ob da unten, wo mein Kindergarten war und lange schon ein Jugendtreff eingerichtet ist, alles so aussieht wie in meiner Erinnerung. Ich erzählte meinem Freund Joachim Tintemann von meinem Wunsch, und der sagte, da ließe sich was machen. Er habe in der Gemeinde 16 Jahre lang im Presbyterium gesessen und kenne in der Kirche die Leute mit den Schlüsseln.

So fügte es sich, dass ich an einem Feiertag in die Unterwelt der Kirche durfte. Der freundliche Küster schloss uns auf, und dann stand ich auf einmal dort, wo ich früher gespielt hatte. Ich glaubte, mich an alles exakt erinnern zu können. Ich wusste, wo der Spielraum war, der Essraum und der Schlafraum. Leider war es dann alles doch ein bisschen anders als ich es in meinen Memoiren festgeschrieben hatte. Der Schlafraum fehlte, und alle Räume waren viel kleiner als ich sie in Erinnerung hatte.

Ich hatte ein paar schwarz-weiße Fotos mitgebracht, die mich leiten sollten. Auf einem war zu sehen, wie wir Kindergartenkinder uns kurz vor dem Abschied aus der behüteten Idylle aufstellten. Wir hatten schon unsere Tornister für die Einschulung an, und alle Jungs trugen eine aus Krepppapier gefaltete Fliege, die ich heute noch mein eigen nenne. Im Hintergrund ist dann auch noch eine Türe zu sehen, von der aber im Kindergarten keine Spur zu finden war. Joachim und ich durften mit Erlaubnis des Küsters durch die ganze Anlage streifen, aber wir fanden diese Türe nicht wieder. Dafür sah ich die imposante Orgel in der Kirche.

Das lenkte mich kurz davon ab, dass ich diesen Ort unwillkürlich auch mit einer großen Schmach verbinde. Das hat damit zu tun, dass wir zum Abschied aus dem Kindergarten ein kleines Theaterstück aufführen sollten, natürlich „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Die Kindergärtnerinnen übernahmen die Rollenverteilung, und natürlich freute ich mich schon darauf, mit den coolen Jungs einen Zwerg zu spielen. Mit angehängtem Wattebart. Ich war klein genug, was sollte da schon schief gehen?

Nun ja. Alles ging schief. Die coolen Jungs wurden Zwerge, und ich wurde Prinz. Ja, ich war ausersehen für die Hauptrolle. Das behagte mir überhaupt nicht. Ich war damals nicht so der Typ für den Mittelpunkt. Was aber noch viel schlimmer wog, war die Tatsache, dass der kleine Prinz standesgerecht ausgestattet werden musste, und das brachte für mich, der ich eh immer ein bisschen am Rande stand, den Super-GAU mit sich: Ich musste Strumpfhosen tragen. Uncooler ging kaum.

Ich habe heute noch ein Strumpfhosentrauma, und ich weiß genau, wo es entstand. Aber was sollte ich tun. Meine Mutter bestand auf Strumpfhosen, und sie war so stolz auf mich. Noch schlimmer war die Tatsache, dass ich Schneewittchen küssen musste. Es gab damals in der Welt eines Sechsjährigen wohl nicht vieles, das schlimmer war, als die Pflicht ein Mädchen zu küssen. Das taten die coolen Jungs nicht. Necken und verkloppen, ja, das ging. Aber küssen? Igitt!

Was soll ich sagen, ich fügte mich brav und war natürlich der Augenstern meiner Mutter. Ich weiß aber noch ganz genau, wie ich gelitten habe und wie schnell ich daheim dafür gesorgt habe, dass diese ekligen Strumpfhosen Abschied von meinem Körper nahmen. Dafür weiß ich noch, dass der Kuchen lecker war.

All das durchströmte mein Hirn, als ich mit Joachim wieder aus dem Untergrund der Kirche auftauchte. Ich stellte fest, dass manches in meiner Erinnerung der Korrektur bedarf, dass manches aber genauso war, wie ich es vor meinem ewigen Auge parat habe. Und für all jene, die immer noch Prinz werden wollen, habe ich eine klare Botschaft. Überlegt euch das gut, ob ihr wirklich Prinz werden wollt. Ihr müsst Strumpfhosen tragen und Mädchen küssen.