Wirtschaftsnobelpreis: Schritt für Schritt im Kampf gegen Armut

Wirtschaftsnobelpreis : Schritt für Schritt im Kampf gegen Armut

Wie kann man Armut, Krankheiten und mangelnde Bildung wirksam bekämpfen. Damit beschäftigen sich drei Ökonomen, die deswegen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.

Wie lässt sich wirksam verhindern, dass jedes zweite Kind weltweit ohne Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen die Schule verlässt? Wie können Staaten die Misere bekämpfen, dass immer noch mehr als 700 Millionen Menschen mit extrem niedrigen Einkommen klarkommen müssen?

Und wie kann die Weltgemeinschaft vermeiden, dass jährlich fünf Millionen Kleinkinder an Krankheiten sterben, wo doch bereits billige Medikamente oder vorbeugende Medizin geholfen hätten? Das sind nur einige der Fragen, mit denen sich in diesem Jahr auch die Nobelpreis-Jury in Stockholm beschäftigt hat.

Antworten geliefert haben die Ökonomen Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer. Und dafür werden sie in diesem Jahr mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Die Erkenntnisse der drei Forscher hätten „unsere Fähigkeit, Armut zu bekämpfen, in der Praxis dramatisch verbessert“, lobte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm. In nur zwei Jahrzehnten hätten sie die Entwicklungsökonomie in ein florierendes Forschungsgebiet verwandelt.

Das undatierte Handoutfoto zeigt den indischstämmigen Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee.

Ein Verdienst der Forscher, die alle an US-Universitäten arbeiten: Sie zerlegten die extrem komplexe Aufgabe der globalen Armutsbekämpfung in viele kleine Einzelthemen, um sie überschaubarer und beherrschbarer zu machen. So hätten die drei Forscher etwa gezeigt, wie sich die Schulbildung und die Gesundheit von Kindern mit kleinen, präzisen Schritten verbessern ließen, erklärte die Jury.

Dabei leisteten die Ökonomen wissenschaftliche Pionierarbeit an Armen in der Praxis. Der Harvard-Ökonom Kremer (54) und seine Kollegen etwa führten Mitte der 1990er Jahre Feldexperimente durch, um Maßnahmen für eine bessere Schulbildung in Kenia zu testen. Bei solchen Experimenten werden Menschen nach dem Zufallsprinzip in Gruppen eingeteilt. Jede erhält etwas andere Bedingungen, lebt aber ansonsten normal weiter. Nach einiger Zeit lässt sich anhand des Gruppenvergleichs beobachten, welche Politik welche Folgen hat.

Das vom CNRS (National Scientifc Research Center) zu Verfügung gestellte Foto von 2011 zeigt die französische Ökonomin Esther Duflo.

„Während Maßnahmen zur Armutsbekämpfung, die am Reißbrett geplant werden, häufig nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen, lassen sich so bessere Hinweise darauf finden, was in der Praxis funktioniert“, erklärte Christoph Schmidt, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Duflo, Banerjee und Kremer hätten Feldexperimente „auf bemerkenswerte Weise weiterentwickelt und in die öffentliche Debatte eingebracht“.

Die Jury in Stockholm führte eine Reihe von Praxiserfolgen des Trios auf. Als direkte Folge ihrer Arbeit hätten beispielsweise mehr als fünf Millionen Kinder in Indien von wirksamen Förderprogrammen profitiert. Ein anderes Beispiel seien bedeutsame Zuschüsse zur Gesundheitsvorsorge, die in vielen Ländern eingeführt worden seien. Die Arbeiten von Banerjee, Duflo und Kremer spielten heute eine Schlüsselrolle im Kampf gegen globale Armut. Das erkannte übrigens auch der frühere US-Präsident Barack Obama: Er berief Duflo in sein Beratungsgremium für globale Entwicklung.

Michael Kremer, Professor für Wirtschaftswissenschaften am College in Cambridge, Massachusetts.

Duflo, die ebenso wie ihr Ehemann Banerjee (58) am Massachusetts Institute of Technology forscht, sieht aber auch die Politik stärker in der Pflicht - etwa bei Handelsbarrieren der EU gegen Agrarprodukte. Doch selbst wenn alle Schranken und Zölle wegfallen würden, ließe sich die globale Armut nicht komplett tilgen, sagte sie nach der Preisvergabe. „Der Farmer in Kenia braucht weiter ergänzende Mittel.“ Doch die Budgets zur Entwicklungshilfe seien relativ klein.

Duflo, die in Paris geboren wurde und auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, ist erst die zweite Frau nach der Amerikanerin Elinor Ostrom, die den Wirtschaftsnobelpreis erhält. Die 46-Jährige ist mit dem gebürtigen Inder Banerjee verheiratet - es das erste Ehepaar, das sich den renommierten Preis in der Kategorie Wirtschaft teilt.

Wie sie das Preisgeld von umgerechnet rund 830.000 Euro verwenden wolle, müsse sie nun mit Banerjee und Kremer besprechen, sagte Duflo in einem Telefonat mit der Jury - und nahm Bezug auf eine andere berühmte Forscherin der Weltgeschichte: Mit acht oder neun Jahren habe sie eine Biografie der Physik- und Chemienobelpreisträgerin Marie Curie gelesen. Diese habe nach ihrem ersten Preis ein Gramm Radium gekauft. Das habe sie „fantastisch“ gefunden, da es Curies große Leidenschaft für ihre Arbeit gezeigt habe, sagte Duflo. „Wir drei müssen nun zusammen sprechen und herausbekommen, was unser Gramm Radium ist.“

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