Das Sandmännchen wird 50

Das Sandmännchen wird 50

Es ist nur 24 Zentimeter groß, trägt seit Ewigkeiten diegleiche Zipfelmütze und hat einen ausgeprägten Hang zu auffälligenFortbewegungsmitteln - von der Taucherglocke bis zum fliegendenTeppich. Jetzt feiert das Sandmännchen 50. Geburtstag: Am 22. November1959 erzählte der unermüdliche Wicht im DDR-Fernsehen seine ersteGute-Nacht-Geschichte.

Der Sandmann kam, sah und streute.Zum Jubiläum wird die älteste Figur des deutschen Kinderfernsehensnicht nur mit einer großen Ausstellung im Filmmuseum Potsdam, mitGeburtstagssendungen oder Sonderbriefmarken gewürdigt. Als Held einesMusicals tourt das Sandmännchen derzeit außerdem durch deutsche Städte,und nächstes Jahr wird es sogar zum Kinostar. In dem Trickfilm "DerSandmann und der verlorene Traumsand" geschieht das Undenkbare - derSchlafsand wird geklaut und muss schleunigst wiederbeschafft werden.

Die offizielle Adresse des Lieblings aller Kinder lautet: "Hinter demMärchenwald". Von dort aus naht die Puppe seit fünf Jahrzehnten jedenAbend per Bimmelbahn oder Betonmischer, Schlitten oder Schiff, Rikschaoder Rakete und präsentiert als Betthupferl Filmchen mit Figuren, diemitunter selber TV-Klassiker wurden - allen voran Herr Fuchs und FrauElster, Kobold Pittiplatsch und die Ente Schnatterinchen oder FrauPuppendoktor Pille. Mit den Worten "Nun schnell ins Bett und schlaftrecht schön, dann will auch ich zur Ruhe geh’n" und einer PriseSchlafsand scheucht das Sandmännchen die Kinder dann ins Reich derTräume.

In der allerersten Folge war der weißbärtige Wichtzu Fuß unterwegs und schlief nach der Arbeit erschöpft im Schnee ein,weshalb ihm besorgte Kinder in Briefen ihre Bettchen anboten. Heutebekommt der Sandmann jährlich rund 10 000 Zuschriften und Anrufe seinerkleinen Fans, durchschnittlich sehen jeden Abend 1,5 MillionenZuschauer seine Auftritte auf KI.KA, RBB und MDR.

Es istein so liebenswerter Winzling - man traut ihm nicht zu, dass es inseinen 50 Jahren schon zwei knallharte Zwergenkämpfe gewonnen hat.Zunächst war da das kuriose TV-Wettrüsten im geteilten Berlin Ende der1950er: Das DDR-Fernsehen hatte Wind davon bekommen, dass dieWestkonkurrenz vom Sender Freies Berlin an einem Sandmännchen bastelteund ließ den Regisseur und Puppenbildner Gerhard Behrendt in aller Hasteine Gegenfigur kreieren, bei der Hans Christian Andersens Märchen "DerSandmann" Pate stand. Premiere war am 22. November 1959 beim DeutschenFernsehfunk, der ARD-Kollege trudelte am 1. Dezember 1959 nach.

Daszweite Duell entbrannte nach der Wende: Damals sollte der Ost-Sandmannabgewickelt werden, doch nach einigem Hin und Her wurde stattdessensein West-Konkurrent aufs Abstellgleis geschoben. Immerhin überlebteneinige der beliebten Figuren aus der West-Variante, allen voran dieGeschichten um das naive Schweinchen Piggeldy und seinen altklugenFreund Frederick.

Seit seinem Debüt hat es derSchlafbringer auf sage und schreibe 18 000 Einsätze gebracht. SeineZielgruppe sind vor allem Kinder von drei bis 13 Jahren. Aber auchunter Erwachsenen, die mit ihm groß geworden sind, hat es viele Fans.Für die ist die Internet-Adresse www.sandmann.de interessant, wo dieGeschichte des Sandmännchens bis 1989 als Spiegel des DDR-Alltagsaufgefächert wird.

So marschierte das Kerlchen mit demSpitzbart, in dessen Traumsand sich bisweilen ein Körnchensozialistischer Ideologie fand, 1981 in einem Pionier-Spielmannszugmit, machte sich in den 1970ern für das Wohnen im Plattenbau stark,tanzte durch den Palast der Republik und besuchte regelmäßigbefreundete sozialistische Länder - es sonnte sich auf Kuba,besichtigte den Roten Platz in Moskau oder ritt durch die ungarischePuszta. Legendär ist sein Abstecher ins All: Als Sigmund Jähn 1978 alserster Deutscher den Weltraum bereiste, hatte er eineSandmännchen-Puppe im Gepäck. Sein sowjetischer Kollege brachte dieFernsehpuppe Mascha mit, und die beiden Figürchen feierten imRaumschiff vor laufender Kamera spontan Hochzeit.

AufReisen geht das Sandmännchen nach wie vor: So besucht es in denJubiläumswochen mit einer Schneefräse eine Puppenfamilie im Schwarzwald.