Vierschanzentournee: Vom Ergänzungsspringer zum Hoffnungsträger

Vierschanzentournee : Vom Ergänzungsspringer zum Hoffnungsträger

Außergewöhnliches Wochenende für Karl Geiger: Der Oberstdorfer startet als derzeit bester Deutscher in die Tournee.

Der kürzeste Golfer-Witz eignet sich prima als Skispringer-Witz. Kurz und gut, er lautet: „Jetzt kann ich’s!“ Karl Geiger ist ein cleverer Bursche, im Sommer will er sein Studium in Energie- und Umwelttechnik abgeschlossen haben. Der 25-jährige Skispringer weiß, dass er nach dem Sieg beim Weltcup vor zwei Wochen in Engelberg jetzt nicht der Konkurrenz davonspringt. „Ich würde mich nicht trauen zu sagen: Jetzt kann ich es“, hat Karl Geiger in der Zentralschweiz einen zentralen Satz gesagt. Er wolle einfach Schritt für Schritt weitermachen.

Die spannende Frage ist: Geht das einfach so einfach weiter? Denn für Karl Geiger steht ein außergewöhnliches Wochenende an: Er geht als bester deutscher Skispringer in die Vierschanzentournee, zu Hause: Karl Geiger ist Oberstdorfer. Und Hoffnungsträger.

Dieser junge Mann mit den markanten Falten auf der Wange, die sich immer wieder in Lachgebirge verwandeln, hat seit vier, fünf Jahren eine interessante Entwicklung gemacht. Bundestrainer Werner Schuster sagt, er sei früher ein eher unsicherer Typ gewesen. Seit zwei Wochen aber – dem Erstling in Engelberg folgte unter anderem ein Auftritt im Bayerischen Fernsehen im „Blickpunkt Sport“ ist „die Aufmerksamkeit auf mich gewandert, das kannte ich bisher nicht so“, sagt Karl Geiger am Freitagmittag im Mannschaftshotel unweit von Oberstdorf, 11:27 Autominuten von zu Hause entfernt – wie er mit Lachfalten im Gesicht sagt. Die Arbeit mit den Medien: er mache das, er mache das auch gerne. „Und am Samstag mache ich wieder das, was ich normalerweise am besten kann.“ Skispringen.

Schritt für Schritt Karl Geiger ist „jahrelang maximal der Ergänzungsspringer“ gewesen, nennt Werner Schuster das Kind beim Namen. Jetzt ist Geiger sein bester Adler im Horst – bei den sieben Weltcupspringen des Winters war der Athlet des SCO immer unter den besten Zehn, ist im Gesamtweltcup auf Platz vier. Das ist das Ergebnis verletzungsfreier Jahre und beharrlicher Arbeit. „Es gibt keinen Aufzug“, beschreibt Geiger seinen langen Weg in die Weltspitze, „sondern man muss ganz normal die Treppe gehen.“ Schritt für Schritt.

Der nächste wäre jetzt eine Glanzleistung auf seiner Heimschanze. Der Tourneeauftakt in Oberstdorf „ist etwas Spezielles. Das ist meine Heimat, da sind Leute an der Schanze, die ich von Kindesbeinen an kenne“. Die Familie, ein paar Freunde sind in der Arena. „Eigentlich gehe ich mit gar keinen Hoffnungen oder Erwartungen in die Tournee“, hat der Karli, wie sie ihn rufen, nach seinem ersten Weltcupsieg ganz cool gesagt. Aber von Engelberg an den Schattenberg hat sich ein bisschen was getan: Kopfkino. Die Vierschanzentournee sei selbst über die Feiertage immer präsent gewesen, gibt er am Freitag zu. „Man kann nicht komplett abschalten“, sagt Karl Geiger und schnippt mit den Fingern. „Zumindest habe ich den Knopf nicht gefunden.“ Wieder das gebirgige Grinsen: Das passe schon so, Karl Geiger scheint die richtige Mischung zwischen Anspannung und Gelassenheit gefunden zu haben.

Entwicklung Werner Schuster hat den besten Beobachtungsplatz während der Pressekonferenz, sitzt neben Karl Geiger, und sagt später: „Das wirkt wirklich authentisch. Karli gefällt das. Es ist auch spannend, diese persönliche Entwicklung in den vergangenen vier, fünf Jahren zu sehen. Er ist über Monate so stabil gesprungen, dass er hier vorne mitmischen wird.“ Ist Karl Geiger so stabil, dass seine Form die ganze Tournee anhalten wird? „Das kann ich nicht beantworten“, sagt Werner Schuster. „Wer hätte gedacht, dass Thomas Diethart so stabil ist?“ Der Österreicher hatte 2013/2014 die Tournee gerockt – und nach schweren Stürzen seine Karriere früh beendet. Kein Witz.

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