Das Ende des Kombinations-Fluchs

Das Ende des Kombinations-Fluchs

Die deutschen Kombinierer holen erstmals seit 1987 in Oberstdorf wieder WM-Gold vor Norwegen.

Falun. So viel Zeit für Romantik bleibt selbst nach all der Keulerei. Johannes Rydzek greift nach einer kleinen Deutschland-Fahne und fährt dem Sonnenuntergang entgegen. Zu Gold. „Das war so kitschig“, sagt der Doppelweltmeister von Falun und lacht, dass seine makellosen Zähne blitzen. „Endlich“, entfährt es Bundestrainer Hermann Weinbuch. 28 Jahre und drei Tage hat es gedauert, ehe die deutschen Kombinierer bei einer Weltmeisterschaft im Teamwettbewerb wieder als Erste über den Zielstrich gefahren sind.

1987. Da ist der Oberstdorfer Johannes Rydzek noch gar nicht geboren. Umso größter ist das Gelächter, als sich die Mannschaft am Samstag zur Einstimmung noch den WM-Film von Oberstdorf anschaut. Fabian Rießle sagt: „Seit ich denken kann, beißen wir uns daran die Zähne aus.“ Nun zählt der 24-jährige Sportsoldat zu jenen, die den Fluch beendet haben. Ein Gefühl, das Rießle zum Strahlemann werden lässt — nicht nur bei den Fotoaufnahmen für die Sponsoren im Untergeschoss der Lugnet Arena.

Endlich die Norweger geschlagen. Den Olympiasieger um 23,1 Sekunden distanziert. Dritte werden die Franzosen, der Titelverteidiger. Dank einer taktischen Meisterleistung: Startläufer Tino Edelmann rechtfertigt das Vertrauen und hält 4,4 der 28 Sekunden Vorsprung nach dem Springen am Morgen auf Magnus Moan. Olympiasieger Eric Frenzel reißt — mächtig angefeuert von Ehefrau Laura und Sohn Philipp — im Duell mit Haavard Klemetsen die geplante Lücke. „Das war der Grundstein“, sagt Weinbuch und der Gelobte meint: „Team-Gold ist noch emotionaler, weil man die Freude teilen kann.“

Fabian Rießle hält das Plus im Kampf mit Mikko Kokslien bei 6,7 Sekunden. Und Johannes Rydzek, beflügelt von Einzel-Gold, weiß schon am gewaltigsten Anstieg, dem Mördarbacken, dass sein Vorsprung auf Jörgen Graabak ausreicht. „Emotional war es der Wahnsinn, ich bin beim Zuschauen fast verrückt geworden“, meint Tino Edelmann.

Hermann Weinbuch

Bei allem Energieaufwand, die Emotionen verdrängen alle Anzeichen von Erschöpfung. Mit weit aufgerissenem Mund fährt der 23-Jährige auf seine Kameraden zu und deutet mit dem Zeigefinger auf jeden Einzelnen von ihnen. Im Team haben sie Großartiges geleistet. „Die Erleichterung ist riesengroß, die Jungs sind taktisch weltmeisterlich gelaufen“, sagt Hermann Weinbuch. Stolz ist er. Zu Recht. Nach ihren Runden sind sie allesamt noch wie die abgeknickten Grashalme im Schnee gelegen.

Einzig Johannes Rydzek haben sie im Kreise der Glücksligen aufgefangen. Schade: Nur wenige der 23 200 Zuschauer, die beim Teamsprint noch prächtig Stimmung gemacht haben, sind geblieben. Massenflucht von den WM-Tribünen, in Schweden hat einzig der Langlauf Tradition.

Ronny Ackermann verschmerzt das im Moment des Triumphes. Der Trainer ist noch immer emotionalisiert. „Wir waren jetzt endlich mal dran“, sagt er. Der ehemalige Weltmeister weiß aus eigener Erfahrung, welch Stellenwert dieses Gold besitzt. Dieses Erlebnis haben ihm die Seinen nun voraus. „Da muss er sich schon ein paar Sticheleien anhören“, verrät Fabian Rießle.

Der Gold-Tag aber ist kein Zufall, vielmehr harte Arbeit. Besonders von Hermann Weinbuch. „Er hat ein System in Deutschland installiert und ist die wichtigste Person in der Nordischen Kombination“, sagt Johannes Rydzek, „mit seiner Erfahrung kennt er die Kniffe.“ Am Sonntag auch jenen, das norwegische Quartett aufzubrechen.