Was Trainer Christian Streich den Friday for Future-Schülern rät

Fußball-Interview : Was Christian Streich den Schülerprotestlern rät

Freiburgs Fußball-Trainer über falsch angewendete Handspielregeln, zu viel Druck für Jugendspieler, Klima-Demos am Freitag und seine politischen Überzeugungen.

Herr Streich, acht Spiele in Serie ohne Sieg, zuletzt ein Gegurke beim 0:3 in Hannover, wie Nils Petersen anmerkte – ist man in Freiburg froh, dass die Saison zu Ende ist?

Christian Streich: Noch ist sie ja nicht zu Ende. Wir werden mit Energie reingehen, jeder wird sich zerreißen, weil wir noch mal zeigen wollen, wie gut wir sein können.

Der Urlaub ist aber notwendig.

Streich: Natürlich brauchen wir Erholung in jeder Hinsicht. Aber in Hannover lag es nicht an der Müdigkeit, sondern an der falschen Vorbereitung auf das Spiel. Ich habe den Fehler gemacht und die Abläufe geändert. Keine Videos, kein elf gegen elf, kein Zwang, kein Druck, wir wollten es mit einer gewissen Leichtigkeit angehen. Aber das haben wir dann nicht hingekriegt und Spieler, auch erfahrene, taktisch Sachen gemacht, da hab‘ ich gedacht, ich glaub’s nicht. Und als sie es dann in der Analyse gesehen haben, haben sie es selbst auch nicht glauben wollen.

Und Ihre Schlüsse daraus?

Streich: Wir können Leichtigkeit nicht, wir müssen immer voll an die Kante gehen.

Herr Streich, eine These: Der Videobeweis wird besser umgesetzt, beim Handspiel aber schwimmen die Schiedsrichter.

Streich: Die Handspielregel wird nicht richtig angewendet. Im Bestreben, dass ja keiner die Hand ein bisschen rausstreckt, ist das Ganze absurd geworden – ich sage nur: Spieler mit den Händen auf dem Rücken, das ist doch nicht normal, so kann ich keinen Zweikampf führen. Und das alles, weil Spieler angeschossen wurden aus zwei Metern Entfernung und es dann Elfmeter gab.

Aber Handspiel ist kompliziert.

Streich: Warum? Handspiel ist, wenn eine klare Torchance verhindert wird durch eine bewusste Bewegung oder wenn der Arm oder die Hand ganz weit weg vom Körper ist und der Ball blockiert wird. Aber es werden ja generell zu viele Elfmeter gegeben.

Wie meinen Sie das?

Streich: Da heißt es dann immer, der Elfmeter ist berechtigt, weil eine Berührung stattgefunden hat. Was für ein Unsinn. Wenn eine Berührung stattfindet, ist das kein Foul. Eine Berührung ist eine Berührung und ein Foul ist ein Foul. Und ein Elfmeter darf es nur geben, wenn es ein Foul gegeben hat im Strafraum – so, dass der Spieler wegen des Fouls nicht mehr weiterlaufen konnte.

England mit seinen vier europäischen Endspielteilnehmern erntet den Erfolg einer qualitativ verbesserten Nachwuchsarbeit. Was ist uns in Deutschland passiert?

Streich: Die Spieler in der Jugend dürfen nicht zu viel Druck haben, das Ergebnis darf nicht im Mittelpunkt stehen. Im Alter von acht bis zwölf, das ist die Basis, da muss man mit den Jungs ganz viele fußballspezifische Dinge üben. Zum Beispiel Turniere veranstalten wie die Belgier etwa. Die stecken kleine Felder ab und lassen dauernd eins gegen eins oder zwei gegen zwei spielen. Das gruppentaktische, elf gegen elf,  kommt erst später. Und das ist richtig, das System muss nachgelagert sein. Außerdem darf man nicht zu früh urteilen, der schafft’s und der nicht.  Wenn das stimmen würde, hätte es ein De Bruyne nicht geschafft. Der war klein, hatte keine Kraft, die kam erst später – und wie.

Auf die Jugendtrainer kommt es eben an.

Streich: Genau. Die sollten ganz viel pädagogisch mit den jungen Burschen arbeiten und nicht versuchen, mit 14-Jährigen zehn verschiedene Systeme spielen zu lassen.

Spitze ist die Bundesliga in den Zuschauerzahlen, aber: Pyrotechnik auf den Rängen, zerlegte Toiletten in Stadien, wegen Schlägereien gesperrte  Bahnhöfe, Beleidigungen gegen RB Leipzig oder Dietmar Hopp – wie beurteilen Sie solche Ereignisse?

Streich: Fußball hat einen wahnsinnig hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Gehen viele Leute hin, dann gehen die unterschiedlichsten Menschen hin. Da sind alle Denkweisen unterwegs. Wir haben eine ungute gesamtgesellschaftliche Entwicklung, Toleranz, Zuhören, Rücksichtnahme gehören nicht unbedingt zu den Werten, die unsere Epoche auszeichnet. Es geht im weitesten Sinne auch um Demokratieverständnis, denn Toleranz, das Andersdenkende, die Unterschiede, sind es doch, die eine Gesellschaft befruchten. Nicht wenige versuchen genau das zu diskreditieren oder gar zu zerstören. Sie nutzen die Freiräume der Demokratie aus, um antidemokratisch oder rassistisch oder gewalttätig handeln zu können, ohne gleich starke Konsequenzen zu erfahren. Wir müssen aufpassen.

Dann wäre da das Finanzielle. „Der Gott des Geldes wird immer größer. Und irgendwann verschlingt er alles“, haben Sie selbst gesagt. Wie weit ist seine Fresssucht?

Streich: Man sieht Auswüchse bei großen Vereinen, die viel Geld haben. Zum Beispiel jetzt Manchester City – die sind ja überführt, mal schauen, wie da geurteilt wird.

Sperren für die Champions League?

Streich: Ja, ich begrüße es, dass der bestraft wird, der gegen die Regeln verstößt. Wer Regeln bricht, muss Strafe bekommen. Im Falle Manchester City wird sich zeigen, ob es im Fußball bei so vielen Verstrickungen noch eine Form von Unabhängigkeit gibt.

Gibt es noch Solidarität?

Streich: Ja. Dahingehend, dass wir, der SC Freiburg, Augsburg und Mainz, dass die kleinen Vereine auch noch dazugehören, dass wir auch für das Wohl der Bundesliga von Bedeutung sind. Wenn wir im Land unterwegs sind, erfahren wir viel Sympathie – weil wir so sind, wie wir sind, viele erfreuen sich daran.

Da schwingt Fußballromantik mit.

Streich: Ja, aber das ist meine Sichtweise. Klar, es geht darum, ob man eine rein monetäre Sichtweise hat oder ob man glaubt, dass Fußball mehr ist als Geld verdienen mit Kicken am Samstag mit den besten Spielern. Ich gucke schon auch gern Champions League, aber wenn sich welche nicht ans Financial Fairplay halten, will ich die nicht mehr sehen.

Sie sind seit 1995 als Fußballlehrer im Einsatz, was hat sich im Trainerberuf verändert zu damals?

Streich: Es werden mehr Systeme gespielt, es ist taktisch variabler geworden. Die Gegner werden viel mehr durchleuchtet. Überall gibt es viel mehr Mitarbeiter, mehr Physiotherapeuten, mehr Spezialisten. Es ist viel mehr Geld im Geschäft. Spieler dürfen nicht mehr heimatverbunden sein, weil sie ausgeliehen werden. Und es wird um junge Spieler in einer Art und Weise gerangelt, die unschön ist, denn es gibt immer mehr Berater, auch schon im Jugendbereich.

Noch mehr?

Streich: Es gibt eine gesteigerte Individualisierung durch mehr Trainer, es gibt Vereine, die leisten sich teure Räume, wo Bälle aus der Wand kommen und von den Spielern an bestimmte Plätze geschossen werden müssen, es geht vermehrt um Wahrnehmung und Reaktion, um Handlungsschnelligkeit, um biomechanische Prozesse, und die Athletik hat zugenommen, also die Fähigkeit, das Technische auf gleichem Niveau in viel höherem Tempo.

Sie haben noch nicht von der Ernährung gesprochen. Ihr Kollege Friedhelm Funkel hat erklärt, er habe als Spieler noch wenige Stunden vor Anpfiff bei der Mama Kasseler mit Sauerkraut gegessen.

Streich: Der Friedhelm und das Kasseler. Nein, ginge gar nicht mehr. Ernährung ist ein wichtiges Thema. Gutes Essen versteht sich von selbst, vor allem geht es um die Nachbereitung mit  Nahrungsergänzungsmitteln. Viele Spieler haben zudem einen Privattrainer engagiert, eventuell einen Osteopathen, einen eigenen Physio, Vertrauensärzte. Fast jeder kümmert sich mehr um sich selber, weil es eine enorme Konkurrenzsituation ist und er die Möglichkeit hat, in den paar Jahren Profifußball so viel Geld zu verdienen, dass er später unabhängig ist.

Sie erhalten den Markgräfler Gutedelpreis für „kreativen Eigensinn“, werden als Bücherfreund geehrt, bekommen die Goldene Narrenschelle, stellen sich an der Uni Freiburg politischen Diskussionen, sind über den Fußball hinaus bekannt. Was treibt Sie an?

Streich: Ich bin Fußballtrainer und beschäftige mich mit meinen Kollegen die ganze Zeit mit Fußball, mit Gewinnen, Verlieren, Ausbilden. Aber ich sehe doch trotzdem die Entwicklungen in der Welt, und ich habe ja auch Geschichte studiert – und ich habe die Möglichkeit, mich zu äußern und gehört zu werden, weil ich nicht ganz unbekannt bin. Ich komme aus einem Land, in dem es in den letzten 120 Jahren unglaubliche Umbrüche gegeben hat. Viele schlimme Dinge, die passiert sind, wurden wenige Jahre zuvor noch nicht so erwartet. Die Jahre 1911, 1912, 1913, da hatte keiner mit dem Ersten Weltkrieg 1914 gerechnet. Oder die  Weimarer Republik, da hatte auch niemand erwartet, was ab 1933 grausame Realität wurde. Wenn ich mich äußere, dann sehe ich das als meine Bürgerpflicht.

Wir haben jetzt auch Kinder, die sich zu Wort melden. Was sagen Sie zu den Fridays-for-Future-Streiks?

Streich: Das ist super. Unsere Welt wird gestaltet von 40-, 50-, 60-Jährigen in Führungspositionen, und nun sehen die Kinder, dass nichts für ihre Zukunft getan wird. Sie müssen aufstehen, weil es die Alten ja nicht tun.  Die, die abwinken, die Kinder würden nur protestieren, weil sie dann nicht in die Schule müssen, unterstellen ihnen, dass sie abgezockt sind. Wer diese negative Sichtweise hat, spricht den Kindern ein eigenes Bewusstsein ab – und hat sie damit schon wieder bestätigt. Eigentlich müssten sie die ganze Woche auf die Straße gehen und nicht nur am Freitag. Die Kinder wollen eine Welt, in der es sich lohnt zu leben.