Reckermanns Rücken streikt

Reckermanns Rücken streikt

Verletzungsbedingt beendet Jonas Reckermann seine Karriere. Jetzt er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Düsseldorf. Der Blick geht zurück nach London auf den in Flutlicht getauchten Platz der Horse Guards Parade im Herzen der Stadt. Wie die Fans ausrasten, nachdem der letzte Angriffsball der Brasilianer neben der Linie gelandet ist, und wie zwei Deutsche beginnen, einen bizarren Tanz im Sand aufzuführen, um dann jubelnd übereinander herzufallen.

Nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, seit Julius Brink und Jonas Reckermann bei den Olympischen Spielen die Welt der Strandartisten aus den Angeln hebelten. Doch das Duo gibt es nicht mehr. Reckermann hat seine Karriere beendet.

„Es tut weh“, sagt der scheidende Sportler, „denn mir wird bewusst, dass eine große Zeit zu Ende geht.“ Dennoch muss es sein, „diese Entscheidung“, betont Reckermann, „ist alternativlos“. Weil sie der Gesundheit geschuldet ist, „und die werde ich nicht aufs Spiel setzen“.

Seit Jahren plagt sich der lange Blockspieler mit diversen Verletzungen, nun — mit 33 Jahren — hat sich die Situation so zugespitzt, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Dieses Mal ist es nicht die Schulter, die Reckermann im vergangenen Jahr beinahe den Olympiastart gekostet hätte. Dafür zwingen Rückenprobleme zum Karriereende.

„MRT-Untersuchungen Ende Dezember zeigten neben einem bekannten, aber nun weiter fortgeschrittenen degenerativen Prozess an der Wirbelsäule eine Zyste im Rückenmarkskanal, welche auf einen Nerv der Lendenwirbelsäule drückt“, heißt es in einer Pressemitteilung des Duos.

Weitere Schädigungen will Reckermann auf keinen Fall riskieren und zieht deshalb den Schlussstrich. In den Entscheidungsprozess waren Brink und das Trainerteam eng eingebunden, er sei so abgelaufen, „wie wir Jonas kennen“, berichtet der ehemalige Mitspieler: „Ehrlich, geradlinig und ohne Schnörkel.“

Brink berichtet von Wehmut und Trauer in den gemeinsamen Gesprächen, „weil eine unglaubliche Partnerschaft zu Ende geht, die uns immer verbinden wird. Auf dem Niveau zu spielen, wie es Jonas und ich geschafft haben, das ist das pure Glück.“

Tatsächlich schrieben Brink/Reckermann während ihrer vierjährigen Liaison eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht: Deutscher Meister, Europameister, Weltmeister, Olympiasieger. Bei Olympia agierte Reckermann noch überragend, und doch war er schon nicht mehr auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft.

Reckermann spricht über das letzte Jahr von einem „Drahtseilakt“, weil das Ringen um die Fitness zu einem ewigen Kampf geworden war: „Wir haben das zwar nicht an die große Glocke gehängt, aber ich war in London vermutlich jeden Tag länger beim Physio als im Sand.“

Diese Qual ist nun beendet, zu einem Zeitpunkt, an dem es ruhig noch ein wenig weiter hätte gehen dürfen. Schließlich böte diese Saison die Chance, den frischen Olympiaruhm zu versilbern.

Obwohl es dazu nicht kommen wird, spricht Julius Brink von einem „perfekten Ausstieg für Jonas“. Was sich paradox anhört, erläutert der Abwehrspieler so: „Jonas hört auf dem Zenit auf, das halte ich für ein Riesenprivileg, auch wenn er zu dieser Entscheidung gezwungen wird.“

Der 30-jährige Brink wird seine Karriere nun mit Sebastian Fuchs (26) fortsetzen und versuchen, 2016 erneut für olympische Glanzlichter zu sorgen. Währenddessen wird Reckermann erst einmal „links und rechts schauen“ und die neu gewonnene Freiheit mit seiner Frau Katja und dem Mitte November geborenen Sohn Emil genießen.

Seinem Freund Julius Brink rät er, „mit seinem neuen Spielpartner richtig Gas zu geben und nach Möglichkeit in Rio die Goldmedaille zu verteidigen. Das würde mich unheimlich stolz machen“. Reckermann soll eine noch näher zu definierende Rolle im neuen Team übernehmen und hat auch sonst noch einige berufliche Alternativen im Hinterkopf.

Ein Schicksal, betont der in Rheine geborene Münsterländer, drohe ihm auf gar keinen Fall: „Ich werde mit Sicherheit nicht dauerhaft in Depressionen versinken.“

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