Olympische Märchen

Olympische Märchen

Sie kommen fast aus dem Nichts, doch bald kennt sie jeder. Weil sie hoch springen, schnell sind – oder sehr langsam.

Düsseldorf. "Sie wird niemals laufen können", sagt der Mann im weißen Kittel. Blanche Rudolph nickt und verlässt den Raum. Ihre sieben Jahre alte Tochter Wilma, ihr 20. von 22 Kindern, schiebt sie im Rollstuhl vor sich her. Wilma leidet an Kinderlähmung, kann ihr linkes Bein nicht bewegen. Ihre Mutter lässt sich von der Diagnose des Arztes nicht unterkriegen. Sie kämpft für ihr Kind, findet eine Spezialklinik in Nashville. Dort wird das kleine schmächtige Mädchen geheilt. Sie lernt laufen - und zwar schnell.

Als sie 1960 in Rom als erste US-Amerikanerin drei Goldmedaillen gewinnt (100 Meter, 200 Meter, 4x100-Meter-Staffel), muss sie diese Geschichte häufig erzählen. Sie bekommt den Beinamen "Die schwarze Gazelle", weil sie über die Laufbahn zu schweben scheint. "War ich nicht schneller als der Wind?", fragt sie. Ein Jahr später läuft sie Weltrekord. 1962 beendet sich mit 22 Jahren ihre Karriere, bekommt noch drei Kinder und widmet sich wohltätigen Projekten. Sie stirbt 1994 an einem Gehirntumor.

Eine ähnliche Lebensgeschichte erlebt Raymond Ewry. Auch der 1873 in Lafayette/Indiana geborene Sportler verbringt einige Jahre seiner Kindheit im Rollstuhl. Auch er wegen Kinderlähmung. Umso erstaunlicher, dass er gerade in den Disziplinen erfolgreich ist, die die meiste Kraft aus den Beinen beanspruchen: Standweitsprung, Standhochsprung, Standdreisprung - allesamt Sportarten, die nicht mehr zum olympischen Programm gehören. Ewry, der 1937 stirbt, gewinnt acht Mal.

Wer die Olympischen Spiele 1960 in Rom verfolgt hat, der spricht heute noch von Abebe Bikila. Der Äthiopier, damals 28Jahre alt, gewinnt als erster Schwarzafrikaner olympisches Gold. Im Marathon hängt er die Konkurrenz mit neuem Weltrekord (2:15,16 Stunden) ab - und das barfuß. Ursprünglich ist er Leibwächter des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Bei einer militärischen Parade fallen seine Qualitäten auf. Den Kaiser bewachen andere, Bikila darf laufen.

1964 in Tokio gewinnt er erneut, diesmal mit Schuhen. In Mexiko City geht er vier Jahre später noch einmal an den Start, muss aber nach 15Kilometern aufgeben. Im selben Jahr wird er bei einem Autounfall schwer verletzt. Er ist nun querschnittsgelähmt, bleibt dem Sport aber verbunden. Bei den Weltspielen der Behinderten wird er 1970 Neunter im Bogenschießen. Mit 41 Jahren erliegt er 1973 einer Hirnblutung. Zu seiner Beerdigung kommen 65000 Menschen.

Eine unvergessene Geschichte schreibt auch Eric Moussambani. Mit 21Jahren lernt er schwimmen, acht Monate später startet er im Jahr 2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney. Sein Heimatland, Äquatorialguinea, hat eine Wildcard bekommen, um auch Teilnehmer zum größten Fest des Sports zu schicken.

Möglicherweise wäre Moussambani gar nicht weiter aufgefallen. Wenn er nicht seinen Vorlauf allein hätte bestreiten müssen. Er hat noch nie ein 50-Meter-Becken durchschwommen, als ein ganzes Stadion und unzählige Fernsehzuschauer ihm dabei zusehen, als er sich auf die 100 Meter Freistil macht. Das Rennen dauert für diese Strecke eine Ewigkeit. Nach 112,72 Sekunden schlägt er an, 64Sekunden über dem Weltrekord und sieben Sekunden über der Bestzeit über 200 Meter. Trotzdem wird Moussambani gefeiert, heißt nur noch "Eric, der Aal". 2004 in Athen will er wieder starten, bekommt aber kein Visum. Seine Bestzeit liegt mittlerweile unter 60 Sekunden.

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