Olympias Nischen

Olympias Nischen

Der Berliner Fotograf Sebastian Wells beobachtet die Winterspiele abseits der klassischen Sportfotografie aus etwas anderen Blickwinkeln.

Herr Wells, Ihre Fotos sind anders als die normalen Sportfotos. Was ist der Schlüssel dazu?

Sebastian Wells: Ziel der Sportfotografie ist es meist, entweder journalistisch das Sportgeschehen zu illustrieren oder die besondere Ästhetik in ein Bild zu bannen. Ich begreife die Großevents als Theaterbühne und versuche, die „Inszenierung“ nicht nur zu dokumentieren, sondern fotografisch zu kommentieren.

Wie finden Sie Ihre Motive? Ist das alles geplant oder lassen Sie sich auch treiben?

Wells: Es ist neben einer guten Vorbereitung sehr wichtig, sich treiben zu lassen. Sonst fotografiert man nur, was man kennt. Während eines ähnlichen Projektes zur Fußball-EM in Frankreich sagte mir Hans Edinger, damals Fotoredakteur der Berliner Zeitung, immer: „Sebastian, mach dich frei.“ Diese Worte gehen mir auch heute wieder durch den Kopf, gerade dann, wenn es mir mal nicht gelingt, mich von zu festen Bildklischees zu lösen.

Sie sind bei Ihren Fotos oft an Stellen gegangen, von denen ich gedacht hätte, dass man dort gar nicht hindarf.

Wells: Bei Olympia gibt es Regeln für alles. Viel wichtiger ist: Welchen Motiven schenke ich meine Aufmerksamkeit? Ich möchte in meinen Bildern nicht nur Momente einfrieren, sondern auch kleine Räume erschaffen, stille Ausschnitte aus dem großen Ganzen, die durch ihren bildnerischen Rahmen eine eigene kleine Realität erschaffen. Vielleicht entsteht dadurch das Gefühl, ich wäre an Orten, die sonst unzugänglich sind.

Fällt es Ihnen schwer, sich der Jagd nach dem klassischen Motiv zu entziehen?

Wells: Meine Vorlieben bezüglich der Beute sind möglicherweise etwas speziell, aber dennoch: Fotografieren ist immer eine Jagd, immer. Es geht darum, egal in welchem fotografischen Genre man sich bewegt und selbst beim „dilettantischen“ Selfie, sich Momente anzueignen, die vergehen. Ich mache im Prinzip nichts anderes, auch wenn mich das Rennen um topaktuelle Nachrichtenbilder wenig reizt.

Sie waren das erste Mal in Südkorea. Welche Vorstellungen sind eingetroffen, was hat überrascht?

Wells: Ich bin überraschend wenig überrascht worden, was vor allem an der westlichen Prägung Südkoreas liegt. Abgesehen vom Essen, der Sprache oder der sehr funktionalen Stadtarchitektur gibt es im Grunde weniges, was Südkorea von westlichen Ländern unterscheidet. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man auf großformatige Werbeplakate für Schönheits-Operationen stößt, dessen Ziel es sein soll, Augen nach westlichem Vorbild umzuschneidern. Fairerweise muss ich aber auch zugeben, dass ich mich wenig außerhalb der olympischen Blase bewegt habe. Dass es dieser Blase fast immer gelingt, die Realität des Gastgeberlandes nur tröpfchenweise durchsickern zu lassen, ist mir in Rio de Janeiro bewusst geworden.

Welche drei, vier Bilder aus Südkorea würden Sie zu Hause aufhängen?

Wells: Keines. Bei mir zu Hause hängen nur Bilder, die ich nicht gemacht habe. Ich möchte meine Arbeiten nicht zu wichtig nehmen und mich von den Künsten anderer inspirieren lassen.

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