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Nationalmannschaft: Jetzt will Joachim Löw alles

Nationalmannschaft: Jetzt will Joachim Löw alles

Der Bundestrainer ist nach der Qualifikation für das Halbfinale obenauf. Peters fliegt aus dem Kompetenzteam.

Tenero. Der Star des FC Chelsea leistete das größte Laufpensum aller Spieler auf dem Platz. Die Präsenz von Michael Ballack war beeindruckend. Auf der Position hinter den Spitzen, die er in der Nationalmannschaft noch nicht so oft gespielt hat, gelang dem Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Portugal fast alles.

"Ich glaube wirklich, dass es das Entscheidende war, dass wir etwas verändert haben. Zuletzt hat doch eindeutig die Kreativität gefehlt", sagte Ballack, dem das vorentscheidende 3:1 mit aller Cleverness gelungen war. Den Glückwunsch von Luiz Felipe Gonzales, scheidender portugiesischer Trainer und neuer Übungsleiter beim FC Chelsea, nahm Ballack gerne entgegen.

Joachim Löw will jetzt alles. Während in Deutschland die EM-Party schon auf vollen Touren läuft, duldete der Bundestrainer lediglich Jubel für eine Nacht. Um zwei Uhr morgens war das Team nach dem beeindruckenden 3:2-Erfolg im Viertelfinale wieder am Lago Maggiore eingetroffen und gönnte sich einen kleinen Feier-Trunk.

Doch spätestens, nachdem im Hotel "Giardino" zum Frühstück die Bilder der heimatlichen Begeisterung über die Bildschirme flimmerten, erinnerte Löw an die längst noch nicht erfüllte Titel-Mission.

"Wichtig ist, dass man die Spieler für ein paar Stunden ausfreuen lässt. Beim Turnier ist aber auch wichtig, dass man am nächsten Tag wieder auf den Boden zurückkommt", verkündete der Bundestrainer. Die Reservisten bekamen schon am Nachmittag diese Entschlossenheit zu spüren. Die Trainingsbelastung wurde hochgefahren, "damit die Spieler im Rhythmus bleiben", erklärte der Leiter der "Bergtour 2008".

Löw hatte Chefscout Urs Siegenthaler gestern zur nochmaligen Beobachtung der Kroaten und Türken nach Wien geschickt. "Selbstverständlich wird unser Ziel jetzt sein, ins Finale zu kommen", verkündete Löw und verbot jedes Gefühl, man habe bei dieser Europameisterschaft schon etwas Außergewöhnliches erreicht.

Zwar zeigte sich Löw "stolz" auf die Leistung seiner Mannschaft gegen die zuvor so überzeugenden Portugiesen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel bescheinigte der Mannschaft aus Brüssel eine "unglaubliche Leistung". Doch der Bundestrainer stufte den Erfolg nur als Zwischenstation ein. Ob Torsten Frings trotz eines Rippenbruchs im Turnier wieder eingreifen kann, bleibt laut Löw "abzuwarten".

Die Spieler, die sich schon jetzt über 100.000 Euro Prämie freuen dürfen, haben das Signal ihres Anführers verstanden. "Der Akku ist noch nicht leer. Noch zwei Spiele, dann sind wir am Ziel. Ich denke, da wird sich jeder noch einmal richtig reinhängen", erklärte Lukas Podolski, der gegen die Portugiesen wieder zu den Besten zählte.

Das aufgeblühte Verständnis mit Bastian Schweinsteiger, dessen überragendes Spiel und eine mutige Taktikumstellung waren die Sieggaranten gegen die Portugiesen. "Wir haben mit Portugal die beste Mannschaft rausgekegelt", sagte Schweinsteiger später. "Bastian hat ein imponierendes Spiel gezeigt", lobte der Bundestrainer.

"Wir haben gesehen, was möglich ist", sagte Löw, der in seiner Glaszelle im Baseler Stadion "angespannter war als am Spielfeldrand" und sich gegen Ende der Begegnung verstohlen eine Zigarette genehmigte. "Wir waren präsenter im Mittelfeld und hatten da mehr Kontrolle und mehr Ballbesitz", unterstrich Michael Ballack die Wirkung des taktischen Wechsels vom klassischen 4-4-2 hin zu einem 4-2-3-1-System mit der überzeugenden "Doppel-Sechs" mit Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger.

Wer die Blitzidee zum wirkungsvollen Systemwechsel hatte, wollte die sportliche Leitung nicht verraten. Hansi Flick hatte mit Löw um eine Flasche Rotwein gewettet, dass Deutschland diesmal mindestens ein Tor aus einer Standard-Situation machen würde. Es wurden sogar zwei Flaschen für Löw, beide Treffer hatte Schweinsteiger vorbereitet.

Dass Löw wieder ganz obenauf ist, bekam als erster Hoffenheims Sportdirektor Bernhard Peters zu spüren. Der ehemalige Hockey-Bundestrainer, den Löw-Vorgänger Jürgen Klinsmann noch zum Sportdirektor des DFB machen wollte, wird nach der Europameisterschaft höchstwahrscheinlich aus dem Kompetenzteam des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ausscheiden.

"Das wird Konsequenzen haben", kündigte Löw an. Peters hatte die DFB-Auswahl und den Trainerstab scharf angegriffen. "Mir fällt auf, dass die Mannschaft nicht so zielstrebig und leidenschaftlich auftritt wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren. Ich bin mir nicht sicher, ob in der Vorbereitung alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden", sagte Peters der Rhein-Neckar-Zeitung. Löw sauer: "Ich habe diese Aussagen gelesen, und sie haben mir nicht gefallen. Ich war überrascht von seiner Ferndiagnose."

Peters bestätigte gegenüber unserer Zeitung nochmals seine an Löw geäußerte Kritik. Markus Sieger, Pressesprecher des Bundesligaaufsteigers Hoffenheim: "Herr Peters hat das Interview persönlich autorisiert und steht auch jetzt noch zu seinen Aussagen."