Leverkusen besiegt Bayern München

Leverkusen besiegt Bayern München : Bosz weckt Bayers Lebensgeister

Leverkusen gewinnt gegen den Rekordmeister nicht mit Hurra-Fußball, sondern mit kontrollierter Offensive. Bayern München verfällt nach der Führung in alte Muster.

An einem ungemütlichen Wintertag bietet sich zur Entspannung ein Glühwein an, Lukas Hradecky aber freute sich nach getaner Arbeit auf ein anderes Getränk. „Wenn ich gleich zu Hause bin, dann hole ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank – oder zwei, drei“, sagte der Torhüter von Bayer 04 Leverkusen in den Katakomben der BayArena. Dass der kühle Gerstensaft sein Lieblingsgetränk ist, daraus hat der in Bratislava geborene Finne noch nie ein großes Geheimnis gemacht. „In der Slowakei verabredet man sich unter Freunden halt nicht auf einen Kaffee“, grinste Hradecky. Als Fußball-Profi gönnt er sich freilich eher selten ein Bier und wenn, dann nur zu außergewöhnlichen Anlässen. Von diesen gab es in der Hinrunde kaum welche, am Samstag aber war die Stimmung bei der Werkself großartig. Das 3:1 (0:1) gegen den FC Bayern München hat die Lebensgeister geweckt. „Das war eine starke Nachricht an unsere Gegner“, sagte Hradecky.

Es war nicht die einzige Botschaft, die dieses Spiel in die Bundesliga-Landschaft entsandt hat. Leverkusens neuer Trainer Peter Bosz hat aus dem Offensiv-Waterloo in seiner Dortmunder Zeit offenbar die entsprechenden Lehren gezogen. Der Niederländer ließ gegen den Rekordmeister nach guter alter Otto-Rehhagel-Schule kontrollierte Offensive walten. „Wir wollen zwar immer nach vorne spielen, aber wenn das nicht klappt, dann müssen wir defensiv gut stehen. Unsere Spiele gegen Gladbach und Wolfsburg waren besser, aber so ein Sieg hilft für das Selbstvertrauen ganz enorm“, meinte Bosz.

Als genialer, wenn auch erzwungener Schachzug entpuppte sich dabei die Einwechslung von Julian Baumgartlinger. Als in der 45. Minute der nach einem Foul von Joshua Kimmich an der Hüfte verletzte Kai Havertz das Feld verlassen musste, brachte Bosz keinen Offensiv-Akteur, sondern den österreichischen Abräumer und beorderte stattdessen „Sechser“ Charles Aranguiz auf die „Acht“. So verdichtete Leverkusen nach der Pause nicht nur die eigene Defensive, die exakten Pässe von Aranguiz filetierten zudem die Münchener Abwehr. „Ein Spiel ohne Baumgartlinger hätte mir besser gefallen“, sagte Bayern-Trainer Niko Kovac.

Der 47-Jährige wirkte in der Pressekonferenz leicht entmutigt, dass trotz der Führung durch Leon Goretzka (41.) der Rückstand zu Spitzenreiter Borussia Dortmund auf sieben Punkte anwuchs. Damit kann sich der BVB nun bereits zwei Niederlagen leisten, ein mit Blick auf das direkte Duell bei den Bayern in 61 Tagen nicht unwichtiger Vorteil. Doch ist der FC Bayern am 6. April überhaupt noch in Schlagdistanz? Hradecky hatte schon vor dem Sieg erkannt: „Die Bayern haben gegen Stuttgart zwar 4:1 gewonnen, doch ihre Leistung war nicht so, wie sie sie von sich erwarten. Gegen uns werden sie besser spielen müssen.“

Kovac tadelt sein Team:
„Das war einfach grob fahrlässig“

Das aber taten sie lediglich in der ersten Hälfte, danach verfiel der FC Bayern wieder in alte Muster aus der Hinrunde. Mit der Führung im Rücken wurde ein Gang zurückgeschaltet, nach der Pause gaben die Münchener nur noch einen Schuss auf das Tor von Hradecky ab, und in der Abwehr traten erneut Schwächen zutage. War der Ausgleich von Leon Bailey (53.) noch ein gut getretener Freistoß, so brachte das 2:1 durch Kevin Volland (63.) Bayern-Trainer Niko Kovac zur Verzweiflung. „Dieser Treffer hat von hinten nach vorn keine zehn Sekunden gedauert. Wir waren ohne Zuordnung, wir hatten im Zentrum Löcher. Das war einfach grob fahrlässig.“

So blieben auch die knappen Abseits-Entscheidungen beim vermeintlichen 2:0 von Robert Lewandowski (45.+2) wie auch beim 3:1 durch Lucas Alario (87.) nur eine Randnotiz. Die Frage ist vielmehr, ob die Aufholjagd der Bayern schon im Keim zu ersticken droht. „Wir müssen den Laden jetzt langsam dicht kriegen. Mit drei Gegentreffern ist es schwer zu gewinnen. Vorne sind wir gut, aber da werden nur Spiele entschieden – die Meisterschaft hinten“, sagte Kovac.

Ins Titelrennen wird Leverkusen diese Saison nicht mehr eingreifen, die Hoffnung auf eine Qualifikation für Europa aber ist zurück. „Es war wichtig, nach der Niederlage gegen Gladbach jetzt zweimal in Folge zu gewinnen. Wir haben in der Hinrunde viel liegen gelassen, aber wir wollen nach Europa“, sagte Julian Brandt. Der 22-Jährige zieht dafür auch den Weg über den DFB-Pokal in Betracht. „Das Finale in Berlin steht bei uns jedes Jahr ganz oben auf der Liste.“ Schon morgen geht es im Achtelfinale zum Zweitligisten Heidenheim. Und deshalb wird es Lukas Hradecky am Samstag dann auch bei einem Bier belassen haben.

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