Die Wüsten-WM ist Geschichte - Eine Bilanz

Leichtathletik-WM : Die Wüsten-WM ist Geschichte - Eine Bilanz

Doha war ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Gastgeber für eine Leichtathletik-WM. Erstmals gastierte dieses sportliche Großereignis in einem arabischen Land, erstmals in der Wüste. Die Vorbehalte waren riesig, noch ehe der erste Startschuss gefallen war. Viele davon bestätigten sich, andere nicht.

Von der „Katarstrophe“ fabulierte eine große deutsche Boulevard-Zeitung nach den ersten Tagen. Jetzt ist die Wüsten-WM Geschichte. Eine Bilanz.

Die Zuschauer in Doha: Es begann zäh. Während der ersten Wettkampftage waren die Ränge meist nur spärlich besetzt. Darüber konnten auch die farbigen Sitzschalen, die abgehängten Oberränge und das bombastische Rahmenprogramm inklusive Lasershow nicht hinwegtäuschen. Erst im Endspurt steuerten die Ausrichter massiv gegen und karrten tausende Zuschauer mit Bussen in das Khalifa-Stadion. Wie genau das vonstattenging, war nicht zu erfahren. Man kann aber davon ausgehen, dass nicht plötzlich die große Leichtathletik-Euphorie in einem Land ausgebrochen ist, dessen 300 000 Bewohner sich vor allem für Kamelrennen begeistern. Die etwa 2,4 Millionen Gastarbeiter aus Indien, Pakistan oder Nepal interessieren sich für Cricket und Fußball. Trotzdem brodelte das Stadion zum Abschluss. Oft brach Begeisterung an den falschen Stellen aus, etwa während eines Starts. Aber der Stadionsprecher hatte die Situation mit einem lauten „Schhhhhhhhh“ meist schnell wieder unter Kontrolle.

Die Organisation in Doha: perfekt. Die Busse fuhren pünktlich. Überall standen Ordner und halfen bei Fragen. Der Zeitplan wurde fast auf die Sekunde genau eingehalten. Das Fernsehen lieferte spektakuläre Bilder – oft in Superultrahyperzeitlupe, was vor allem im Weitsprung spektakulär war. Genervt reagierten viele Sportler nur auf die neuartigen Kameras, die von unten aus den Startblöcken in die Gesichter der Athleten filmten. Vor allem den Frauen war das unangenehm. Auch die deutschen Sprinterinnen klagten, der Deutsche Leichtathletik-Verband legte Beschwerde ein. Das Ergebnis war, dass nur die Bilder von unmittelbar vor dem Start zu sehen waren. Deren Mehrwert darf bezweifelt werden. Diese Kameraperspektive ist überflüssig.

Die Hitze in Doha: Da die Sommersonne in Katar das Thermometer auf Temperaturen nahe 50 Grad treibt, wurde die WM kurzerhand nach hinten verschoben. Das beschert den Athleten zwar eine verkürzte Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele, die kommenden September/August in Tokio stattfinden. Aber immerhin war es während der WM tagsüber nur noch knapp 40 Grad warm. Das Stadioninnere hatten die Katarer mit riesigem Aufwand auf angenehme 26 Grad heruntergekühlt. Geher und Marathonläufer mussten allerdings auf den Straßen Dohas ran – um Mitternacht. Dann herrschten immer noch über 30 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit. Diese Kombination sorgte für einen deutlichen Schwund auf der Strecke und die langsamsten Siegerzeiten in der WM-Historie. In Tokio allerdings werden nächstes Jahr ähnliche Bedingungen erwartet. Dort startet der Marathon deshalb in aller Herrgottsfrühe.

Die Überraschung in Doha: Niklas Kaul. Der 21-Jährige gewann sensationell den Zehnkampf. Er ist damit der jüngste Weltmeister aller Zeiten und erst der zweite Deutsche, der die Königsdisziplin der Leichtathletik bei einer WM für sich entschied. Cool, abgeklärt, sympathisch. Ein Mann, dessen beste Zeit eigentlich erst noch kommen soll, einer, der eine Ära prägen kann. Dafür muss er aber gesund bleiben, was im Zehnkampf, der schon manch Hochveranlagten verschlissen hat, kein leichtes Unterfangen ist. Aber schon jetzt hat Kaul eine tolle Geschichte geschrieben. Von den Eltern, einem Lehrer-Ehepaar, trainiert. Seit seiner Kindheit immer im USC Mainz beheimatet, einem Verein, der sich mithilfe vieler Ehrenamtlicher über Wasser hält. Wunderbar.

Das Finale von Doha: Am Schlusstag der 17. Leichtathletik-WM krönte Malaika Mihambo eine bemerkenswert konstante Saison – und zwar mit einem Riesensatz auf 7,30 Metern. Die Studentin der Umweltwissenschaften kam mit der Favoritenrolle glänzend zurecht und feierte mit ihrem strahlenden Lachen das zweite Gold für Deutschland. Speerwerfer Johannes Vetter musste sich mit Bronze begnügen.

Der Aufreger in Doha: die Doping-Sperre von Star-Trainer Alberto Salazar aus den USA. Er musste seine Akkreditierung abgeben und die WM verlassen. Salazar soll im Rahmen des Oregon-Project zwischen 2010 und 2014 mit illegalen Methoden gearbeitet haben. Dort also, wo seit dem vergangenen Jahr mit Konstanze Klosterhalfen eine der größten deutschen Laufhoffnungen trainiert. Die zeigte sich von dem Trubel ungerührt und gewann Bronze über 5000 Meter. Ein Erfolg mit fadem Beigeschmack.