1. Sport
  2. Leichtathletik

Leichtathletik: Der Leichtathletik gehen die Stadien aus

Leichtathletik : Der Leichtathletik gehen die Stadien aus

Einst starben die Arenen in Düsseldorf oder Köln für die Leichtathletik in NRW, jetzt soll mit Berlin die letzte Laufbahn fallen. Eine Bestandsaufnahme.

Düsseldorf. Das Berliner Olympiastadion — es ist Deutschlands letztes Groß-Stadion (über 70 000 Plätze), das noch eine für die Leichtathletik nutzbare Rund-Laufbahn hat. Das Problem: Derzeit soll das Stadion nach Plänen des Berliner Senats nach den Leichtathletik-Europameisterschaften 2018 in Berlin seine über 80-jährige Funktionsfähigkeit für Leichtathletik verlieren — und den Interessen des Fußballs zum Opfer falle. Wie das schon vorher mit den Mehrzweckstadien in Köln (1997), Düsseldorf (2003), Duisburg (2006) und zuletzt auch Stuttgart und Bremen passiert war, aus denen die Leichtathletikanlagen Stück für Stück verschwunden sind.

Leichtathletik: Der Leichtathletik gehen die Stadien aus

Womit auch die Leichtathletik in Deutschland — wohlgemerkt olympische Kernsportart — zunehmend verschwindet. Erst aus den großen Stadien an Rhein und Ruhr, schließlich auch aus den öffentlich-rechtlichen Medien. Noch 1977 hatte ein Weltcup in Düsseldorf als Vorläufer der Leichtathletik-WM über drei Tage mehr als 100 000 Besucher angelockt, auch fanden dort Deutsche Meisterschaften statt. Wie in Köln, wo es noch 1997 das große ASV-Sportfest mit zwei Weltrekorden gegeben hatte — bevor die Abrissbirne kam.

Dass der Aufschrei nun für den Erhalt des Berliner Olympiastadions als Leichtathletik-Arena groß ist, ist verständlich. Mehrere Sport-Organisationen wie der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) haben ihr Statement zum Erhalt längst abgegeben. Auch Michael Vesper, Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes,will die Laufbahn erhalten: Vesper sagte, er könne zwar verstehen, dass Hertha BSC ein kompaktes Fußballstadion wolle. Es wäre aber schade, das Olympiastadion zu verschlimmbessern. „Deutschland braucht eine hervorragende Stätte für Leichtathletik-Wettbewerbe. Eine herausfahrbare Laufbahn ist eine gute Option“, sagte Vesper vor einiger Zeit.

So etwa sieht auch die Lösung in Frankreich aus: Das Stade de France in St. Denis (gebaut 2000) verfügt über eine Rundlaufbahn. Für den Fußball gibt es ausziehbare Tribünen, die bis dicht ans Fußballfeld reichen — bei der Leichtathletik werden diese Tribünen dann zurück geschoben. In Frankreich kommt offenbar niemand auf die Idee, das aus Steuermitteln errichtete, wichtigste französische Stadion in einen reinen Fußballplatz zu verwandeln.

DLV-Präsident Clemens Prokop (60) kritisiert im Hinblick auf Berlin die Verschwendung von Steuergeldern. Zunächst mit der Renovierung vor nicht einmal 15 Jahren, jetzt, um im Zweifel aus der Arena ein reines Fußballstadion zu machen.

Schon zuletzt bei der Umwandlung der Stadien in Stuttgart haben alle Bedenken der Leichtathletik-Lobbyisten gegen die Anhänger des Fußballs keine Chance gehabt. Leichtathletik? „Wollen wir hier nicht mehr“, heißt es immer öfter von den Fußball-Geschäftigen, die die einstmals mit Steuermitteln errichteten Mehrzweckstadien für ihre Geschäfte besetzt haben. Dass der Fußball die Zuschauer lockt und das Geld bringt, ist der Katalysator dieser Haltung. So haben Leichtathletikanlagen aus den Stadien zu verschwinden, selbst wenn sie wie im Berliner Olympiastadion für die Europameisterschaft im kommenden Jahr noch einmal mit Millionen-Aufwand aus Steuermitteln modernisiert werden.

Dass mit der Umwandlung des historisch so interessanten Berliner Olympiastadions auch ein großes Stück Sport-Kultur erschlagen würde, interessiert nicht mehr allzu viele. Das Berliner Stadion steht unter Denkmalschutz. Es hat die Olympischen Spiele 1936 genauso gesehen wie die noch immer aktuellen Weltrekorde über 100 und 200 Meter von Usain Bolt auf der inzwischen berühmten „blauen Bahn“ bei der Weltmeisterschaft 2009. „Dieses Stadion ist eines der besten der Welt. Es wäre eine große Schande, die Laufbahn verschwinden zu lassen“, sagte der Leichtathletik-Star aus Jamaika. 9,58 Sekunden sprintete er in Berlin auf der schnellen blauen Tartanbahn über 100, über 200 Meter flog er in 19,19 Sekunden. Aber hilft diese bloße Erinnerung?

Wenn Laufbahn und Sprunganlagen aus dem Olympiastadion in Berlin erst verschwunden sind, wird es dort wohl keine Leichtathletik mehr geben. Zwischen 40 000 und 50 000 Besucher waren jährlich gekommen, um im August das ISTAF zu besuchen, das zuletzt allerdings nicht mal mehr zur Diamond League gehörte — das ist die beste Serie der Leichtathletik —, sondern „nur“ zur World Challenge-Serie.

Der Kampf um Berlin wird auf offener Bühne geführt. Um politisch Druck auszuüben, will sich der DLV nun um die Weltmeisterschaft 2023 bewerben. Die Weltmeisterschaften 2019 und 2021 sind bereits nach Doha und Eugene (im US-Bundesstaat Oregon) fest vergeben.

Entschieden ist noch nichts. Das wird wohl nach der EM im kommenden Jahr passieren. Mit der Modernisierung des Berliner Jahnstadions sollen die Wogen geglättet werden, bei einem Fassungsvermögen von etwa 30 000 Zuschauern wäre dieses zweite Berliner Stadion aber deutlich zu klein für eine künftige Weltmeisterschaft.

Oder aber es kommt alles ganz anders: Hertha BSC hatte unlängst sein Vorhaben hinausposaunt, ab 2025 eine ganz neue reine Fußball-Arena auf dem Stadtgebiet bauen zu wollen. Ob es dazu kommt? Ungewiss. Aber auch dann müsste für das Olympiastadion eine Lösung gefunden werden — nicht nur in Sachen Leichtathletik.