Leichtathletik/Kersten: „Ich wurde zum Erfolg getreten“

Leichtathletik/Kersten: „Ich wurde zum Erfolg getreten“

Dagmar Kersten gewann Silber bei Olympia 1988, ist anerkanntes Dopingopfer und spricht offen über ihr DDR-Schicksal.

Osnabrück. Schrecksekunde im Seminarraum des Sportzentrums der Universität Osnabrück. Auf der Leinwand hat sich gerade eine junge Frau im schrillen Turndress zu olympischem Silber am Stufenbarren geturnt. Die Studenten zögern, einige klatschen. Vor ihnen steht die Frau vom Barren, sie hält die Silbermedaille in den Händen. Und sagt: „Lieber als die Medaille hätte ich eine Kindheit gehabt.“ Keiner klatscht. Dagmar Kersten ist Silbermedaillengewinnerin, ein Traum.

Und staatlich anerkanntes DDR-Doping-Opfer, ein Alptraum. Sie erzählt aus der Zeit des DDR-Hochleistungssports, als sie Anabolika schlucken musste. Als sie mit einem Ermüdungsbruch trainieren musste. Wie ihre Kolleginnen beim SC Dynamo Berlin. Sechs Stunden am Tag, 36 Stunden in der Woche. Sie war 14 Jahre alt, ihr Sollgewicht lag bei 41 Kilogramm. Oft wachte sie morgens mit dem Gedanken auf: „Wenn ich tot bin, tut es wenigstens nicht mehr weh.“

Quält es Sie, wenn Sie von dieser Zeit erzählen?

Dagmar Kersten: Das ist schwer zu sagen. Es war ein langer, quälender Prozess, bis ich überhaupt soweit war. Aber es hat mir auch gut getan, mich systematisch mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Was war der Impuls für die Aufarbeitung der Vergangenheit?

Kersten: Lange wollte ich davon nichts wissen, ich war einfach nur froh, dass ich es hinter mir hatte. Langsam entwickelte ich Selbstvertrauen und habe mir mühsam ein neues Körpergefühl aufgebaut. Ausschlaggebend war dann, dass ich mich mit der Vergangenheit befassen musste, als ich den Antrag auf Anerkennung als DDR-Doping-Opfer stellte. Da habe ich meine Krankenbücher gesichtet, meine Stasi-Akte durchforstet, die Röntgenbilder gesehen.

Wie lief das Doping-Programm?

Kersten: Man hat uns gesagt. Nehmt das mal, das sind Vitaminpillen. Anabolika, Psychopharmaka, da war alles dabei. Ich hatte nicht zu denken, sondern zu turnen. Ich wurde zur Täterin an mir selbst. Wir haben an das Gute in unseren Trainern und Ärzten geglaubt — aber tatsächlich waren das Experimente mit Menschen.

Aber nur mit Doping turnt man nicht besser. Sie hatten Talent, und Ihre Trainer müssen etwas gekonnt haben.

Kersten: Natürlich musste man Talent haben, ich galt von früher Kindheit an als Goldkandidat, mein Berufswunsch war: Weltmeisterin. Das Doping diente dazu, dass wir diese extremen Trainingsbelastungen überhaupt durchhalten konnten. Aber das Doping war gar nicht das Schlimmste.

Sondern?

Kersten: Ich bin zum Erfolg getreten worden. Wir mussten mit Schmerzen trainieren, zur Not wurde gespritzt. Da gab es keine aufmunternden Worte, sondern man wurde angeschrien. Noch schlimmer als Tritte waren die Beleidigungen, das war entwürdigend.

Hätten Ihre Eltern Sie nicht vor den Auswüchsen schützen müssen?

Kersten: Ich habe mit meinen Eltern nicht sehr ausführlich darüber sprechen können, sie sind sehr früh gestorben. Beide waren Diplom-Sportlehrer, aber dieses Ausmaß haben sie sich bestimmt nicht vorstellen können. Natürlich hätte ich mich ihnen manchmal gern anvertraut, aber die waren weit weg. Außerdem wusste ich doch, dass sie mir nicht hätten helfen können. Und ich hatte Angst, dass der Druck auf mich nur noch größer werden würde.

Haben Sie bei der Aufarbeitung Ihrer Vergangenheit einen Ihrer Trainer getroffen?

Kersten: Ja, das war bei Aufnahmen für einen Dokumentarfilm. Wir sind in die Halle von damals gegangen, und dann stand er da. Es war unglaublich. Schlägst Du immer noch deine Turnerinnen?, habe ich ihn gefragt. Er hat sich herausgeredet, und dann hat er mit seinem Anwalt telefoniert und hat verhindert, dass die Aufnahmen verwertet werden können. Das hat mir das Drehteam gesagt.

Sie waren eine Heldin des sozialistischen Sports, eine Diplomatin im Trainingsanzug, wie es in der DDR hieß.

Kersten: Wir waren ein Produkt in einer Medaillenfabrik, austauschbare Versuchskaninchen. Als Mensch zählte man im Spitzensport der DDR nicht wirklich.

Haben Sie wirklich alles überwunden?

Kersten: Ja, es berührt mich zwar bei jedem Vortrag. Aber ich habe es besser getroffen als viele andere DDR-Sportler. Viele haben massive körperliche und psychische Schäden.

Sie sind ein Doping-Opfer. Was ist mit der Wut auf die Täter?

Kersten: Es war ein entscheidender Punkt, als ich versucht habe, Verständnis für mich selbst und meine Vergangenheit zu entwickeln. Als ich meine Stasi-Akte gelesen und dabei erfahren habe, dass mich ein Freund jahrelang bespitzeln musste. Ich habe mich gefragt: Wie hättest du reagiert, wenn sie dich angesprochen hätten? Ich weiß es wirklich nicht. Wir standen alle unter Druck, und jeder geht mit Druck anders um. Einige gehen den Weg des geringsten Widerstandes, andere werden zu Helden.

Sie waren eine Heldin.

Kersten: Wenn ich meine Olympiakür von Seoul sehe, und die Leute bei meinem Vortrag klatschen, finde ich das okay. Man hat ja schon etwas geleistet.