„Ich gehe als Trainer in Rente“

„Ich gehe als Trainer in Rente“

Deutschland ist Titelverteidiger bei der Handball-WM in Kroatien. Heiner Brand spielt das Turnier mit einer jungen Mannschaft.

WZ: Herr Brand, die WM 2009 steht vor der Tür. Ist es despektierlich zu behaupten, Deutschland ist nur noch auf dem Papier Weltmeister?

Heiner Brand: Nein. Das ist so. Viele Spieler vom Titelgewinn 2007 sind nicht mehr dabei. Weltmeister sind wir tatsächlich nur noch auf dem Papier. Aber das ändert nichts an unseren Ambitionen.

Brand: Ja, aber es wird schwierig. Ich denke, wir haben die schwerste Gruppe erwischt. Polen und Russland sind stark, Tunesien ist unberechenbar. Und Mazedonien hat den Olympiazweiten Island in der Qualifikation geschlagen. Das wird kein Selbstläufer.

Brand: Wenn wir in der Hauptrunde sind, dann können wir darüber reden. Wir können nur weiterkommen, wenn wir von Spiel zu Spiel denken. Die Mannschaft hat noch relativ wenig internationale Erfahrung und muss tatsächlich in jedem Spiel hundertprozentig konzentriert sein.

Brand: Fritz und Klimovets sind immerhin schon 34. Eine Ausnahme ist sicherlich Florian Kehrmann, bei dem ich aber durchaus die Möglichkeit sehe, dass er irgendwann wieder zurückkommt. Christian Zeitz war nach seinem Auftreten und seiner Form kein Kandidat mehr für die Nationalmannschaft. Er wollte ja auch nicht mehr bei uns spielen. Der Umbruch ist daher gar nicht so krass wie er dargestellt worden ist.

Brand: Wenn Henning Fritz in der Bundesliga überragend hält, müssten wir uns noch einmal zusammensetzen.

Brand: Das habe ich auch zu meiner Überraschung gehört. Ich möchte daran erinnern, dass ich nach der EM einigen Spielern eine Denkpause gegeben habe (Michael Kraus, Lars Kaufmann, Ralf Hermann, Anm. der Red.). Da war Zeitz nicht dabei, weil er im Turnier angeschlagen war.

Brand: Die Belastung für die Spieler hat die Grenze erreicht. Pausen sind deshalb wichtig. Ich sehe nur eine Lösung, wenn sich alle Beteiligten zusammensetzen und jeder bereit ist, ein Stück abzugeben. Alle müssen über ihre Wettbewerbe nachdenken. Es ist die Frage, ob es sinnvoll ist, dass neun deutsche Teams im Europacup spielen. International müssen wir das eine oder andere Turnier wegnehmen. Welt- und Europameisterschaften sind wichtig, weil wir als Nationalteam in den Medien präsent sein wollen. Hätten wir - wie die Fußballer - nur alle vier Jahre eine WM, würde der Handball ganz schnell vom Bildschirm verschwinden. Aber zumindest im Olympiajahr sollten wir auf ein zweites großes Turnier verzichten.

Auch die Bundesliga macht Schlagzeilen: nicht mehr finanzierbareSpielergehälter, frisierte Finanzpläne, nicht eingehalteneLizenzauflagen.

Brand: Das ist sicherlich ein bisschen viel. Mich ärgert diese Entwicklungauch. Wir sollten bei den Ursachen anfangen, und das sind die Gehälter.Gerade die für mittelmäßige Spieler, sind nur für ganz wenige Vereinezu tragen. Ich habe die Befürchtung, dass es irgendwann auf folgendeSituation hinausläuft: Da gibt es den THW Kiel, der gut geführt ist.Dann bleiben mit den Rhein-Neckar Löwen, Hamburg und Lemgo noch dreivon Mäzenen unterstützte Klubs übrig. Das wäre keine gute Entwicklung.

Die Liga präsentiert sich als Drei-, vielleicht sogar alsVier-Klassen-Gesellschaft. Das ist relativ uninteressant. Sind Sie fürPlay-offs?

Brand: Das bringt nicht unbedingt Spannung in die Liga. Wenn alle Vereinegezwungen wären, deutsche Spieler einzusetzen, dann würde das für mehrAusgeglichenheit sorgen.

Sie fordern das seit Jahren. Warum hört niemand auf Sie?

Brand: Weil einige der Wortführer in der Liga nur die Interessen ihrer Spitzenmannschaften vertreten.

Brand: Es wird auf keinen Fall eine Kamera in unserer Kabine geben.

Brand: Ich habe mir die Entscheidung, bis 2013 zu verlängern, nicht leicht gemacht und ernsthaft überlegt, noch einmal etwas anderes zu versuchen. Das Ausland hätte mich gereizt. Oder auch die Möglichkeit, in einer deutschen Großstadt etwas aufzubauen. Aber wenn jetzt beide Seiten ihren Vertrag erfüllen, bin ich 61 Jahre. Danach muss ich nicht mehr als Trainer in der Halle stehen.

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