Hörmanns Rechnung: 19 Medaillen plus X bei den Olympischen Spielen

Hörmanns Rechnung: 19 Medaillen plus X bei den Olympischen Spielen

Welche Erwartungen der DOSB-Präsident an die deutsche Olympia-Mannschaft bei den am Samstag beginnenden Spielen in Pyeongchang stellt.

Herr Hörmann, mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Südkorea? Sie haben ja nicht gerade die besten Erinnerungen an Pyeongchang - Stichwort Biathlon-WM 2009.

Alfons Hörmann: Ja, die damalige WM war wettertechnisch und sportfachlich gesehen nicht unbedingt einer der Höhepunkte meiner Großsport-Ereignisse. Dennoch fahre ich mit Zuversicht und in gespannter Erwartung nach Pyeongchang. Die Winterspiele heute sind sicher nicht mehr mit der Biathlon-WM von 2009 vergleichbar. Natürlich sind wir nicht in einer klassischen Wintersport-Hochburg und werden teilweise auch völlig andere sportartspezifische Schwerpunkte erleben. So wird Shorttrack dieses Mal wohl zu den stimmungsvollsten Wettbewerben gehören. Aber ich hoffe, dass wir auch bei allen anderen Entscheidungen einen schönen und angemessenen Rahmen vorfinden

Wie sehen Sie als Vorstandsmitglied des Internationalen Skiverbands die Entwicklung, dass sich der olympische Skisport immer weiter von den traditionellen Alpenregionen entfernt und in den Ausläufern des Kaukasus, im koreanischen Hinterland und in vier Jahren vor den Toren der chinesischen Hauptstadt Peking stattfindet?

Hörmann: Ich sage ganz offen, dass wir vor Pyeongchang mit erheblicher Wehmut auch immer mal wieder nach München zurückgeblickt haben. Denn die Vergabe an Pyeongchang im Jahr 2011 erfolgte ja im Wettrennen gegen unser Münchner Olympia-Konzept. Natürlich wünschen wir uns Winterspiele möglichst bald mal wieder in einer der klassischen Wintersportregionen in Europa. Aber durch die jüngste Entscheidung der Tiroler Bevölkerung gegen Olympia wissen wir auch, dass es nicht einfach wird, die notwendigen Mehrheiten dafür zu sichern. Trotz toller Arbeit an der Basis bei unseren 90 000 Vereinen in Deutschland und dem vorbildlichen Engagement von mehr als acht Millionen Ehrenamtlichen im Sport schädigen insbesondere Missstände in internationalen Organisationen das positive Bild des Sports.

Glauben Sie, dass das Thema Doping diese Winterspiele nicht nur im Vorfeld, sondern auch währenddessen beherrscht?

Hörmann: Es ist in den vergangenen eineinhalb Jahren viel dafür getan worden, dass sich so ein unwürdiges und völlig inakzeptables Szenario wie in Sotschi nicht wiederholen wird. Speziell für Pyeongchang wurden im vorolympischen Testprogramm seit April 2017 mehr als 14 000 Tests bei rund 6000 Athleten durchgeführt. Dabei lag der Schwerpunkt auf den Top 20 der Welt in allen Sportarten und insbesondere auf den russischen Athleten. Das hat zur Folge, dass russische Sportler mit 2492 Tests am meisten kontrolliert wurden — übrigens vor den Deutschen mit 1474 Kontrollen. Russland hat mehr Kontrollen als die USA mit 1019 und Kanada mit 938 zusammen. Und ganz wichtig: Die russischen Athleten wurden von der britischen, nicht von der russischen Anti-Doping-Agentur kontrolliert, womit hoffentlich ein ganz wesentlicher Schritt zu mehr Chancengleichheit gegeben ist.

Alfons Hörmann, DOSB-Präsident

In Bob und Eisschnelllauf gingen deutsche Sportler in Sotschi komplett leer aus. Konnten Sie als DOSB-Chef da an Stellschrauben drehen, die eine deutliche Verbesserung erwarten lassen?

Hörmann: Im Bob haben wir nach kritischen und offenen Gesprächen mit dem Institut für Forschung und Entwicklung für Sportgeräte und dem Bob- und Schlitten-Verband versucht, die Strategie der Materialentwicklung positiv zu beeinflussen. Und der Verband hat auch in personellen Fragen reagiert und den Trainerstab neu aufgestellt. Das waren wesentliche Weichenstellungen, die nun hoffentlich Früchte tragen sollten. Im Eisschnelllauf habe ich mich persönlich für eine personelle Neuaufstellung eingesetzt. Dass Robert Bartko aus dem Sommersport den Posten des Sportdirektors in einer Wintersportart übernahm, wurde zunächst durchaus auch kritisch beäugt. Aber mittlerweile sieht man ja, was er entwickelt hat. Jetzt hat man eben nicht nur eine wieder hoch motivierte Claudia Pechstein, sondern auch andere Athleten, die zumindest wieder Chancen auf vordere Platzierungen haben. Aber auch hier sind weiterhin noch viel Geduld und hohe Professionalität notwendig, um irgendwann wieder an die großen Zeiten anzuknüpfen.

Nach 30 Medaillen in Vancouver und der Negativ-Ausbeute von 19 in Sotschi hat der Deutsche Olympische Sportbund das Ziel mit 19 plus x recht verhalten formuliert. Warum?

Hörmann: Weil ich nach fast zwei Jahrzehnten in der Verantwortung für den Spitzensport mit einer Mischung aus Demut und Realismus auf die Olympischen Spiele blicke. Wir haben in dieser Saison schon schmerzliche Ausfälle erlebt, ich denke nur an die klassischen Medaillenkandidaten wie Felix Neureuther oder Stefan Luitz oder Heidi Zacher. Auch Skispringer Severin Freund fehlt dem Skisprung-Team massiv. Dazu kommt: Ganz schnell wird bei einer sehr guten Leistung aus einer möglichen Medaille auch einmal Platz vier oder fünf. Wir hatten bislang insgesamt dennoch eine sehr gute Wintersaison und wir werden auch ein paar Bestätigungen oder positive Überraschungen erleben. Aber man erlebt ja auch immer wieder Enttäuschungen, und dies kalkulieren wir eben auch mit ein.

Sie haben es angesprochen: Sieben deutsche Medaillenkandidaten — neben den erwähnten noch der Skicrosser Daniel Bohnacker, Snowboarderin Zimmermann und Skispringerin Svenja Würth - sitzen wegen Kreuzbandrissen zu Hause. Müssen Sie sich nicht generell mehr Gedanken zur Sicherheit der Athleten machen?

Hörmann: Es war schon immer und ist auch weiterhin unsere Verpflichtung und Verantwortung, dass die Sicherheit der Athletinnen und Athleten an erster Stelle steht. Auch die Vorfälle in dieser Saison werden natürlich von den zuständigen Verbänden intensiv analysiert. Gerade Kreuzbandrisse kommen im Skisport leider immer wieder vor, und ganz wird man das Risiko nie ausschließen können, aber jeder Fall ist schmerzlich und wir können den Verletzten nur die Daumen drücken.

Noch mal zu Korea: Sagt Ihnen Kimchi oder Bibimbap etwas?

Hörmann: Nein, aber die Frage kann ich dann ja vielleicht in drei Wochen beantworten.

Wenn wir uns mal zum typisch Koreanisch-Essen treffen, ganz bestimmt.

Hörmann: Versprochen. Schwierig wird das nur, wenn es jeden Abend eine deutsche Medaille zu feiern gäbe (lacht).