Heißer Herbst in Leverkusen

Heißer Herbst in Leverkusen

Fehlstart perfekt: Auch gegen den VfL Wolfsburg bringt sich Bayer durch Nachlässigkeiten um den Erfolg. Wackelt schon der Trainer?

Leverkusen. Die Pfiffe blieben aus. Im Gegenteil, die Fans von Bayer Leverkusen spendeten ihrer Mannschaft am Samstag nach dem Abpfiff sogar zarten Applaus. Dabei war — wie schon in der vergangenen Saison — eingetreten, was unbedingt vermieden werden sollte. Die Werkself hat den Start in die Spielzeit erneut verpatzt. Nach dem 0:2 bei Borussia Mönchengladbach ging nun auch das Auftakt-Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg mit 1:3 (1:1) verloren. „Zwei Niederlagen nach zwei Spielen sind nicht unser Anspruch“, meinte Heiko Herrlich.

Foto: Witters

Wackelt schon der Trainer? In der BayArena machen erste Gerüchte über den Ex-Leipziger Ralph Hasenhüttl als möglichem Nachfolger die Runde. Doch noch genießt Herrlich den Bonus, im vergangenen Jahr aus einer verunsicherten Truppe jenes Team geformt zu haben, das sein Hoffenheimer Kollege Julian Nagelsmann als Meister tippte. Der neue Geschäftsführer Fernando Carro hatte ihn unter der Woche bei der Verabschiedung von Vorgänger Michael Schade aber schon freundlich darauf hingewiesen, dass Punkte seine Währung seien. Der Monat September, der für Bayer auch den Auftakt in der Europa League und West-Duelle in Düsseldorf und gegen Borussia Dortmund vorsieht, könnte für Trainer Herrlich also wegweisend werden.

Forsch und selbstbewusst hatten seine Spieler während der Vorbereitung mit der Qualifikation für die Champions League ihr Saisonziel hoch angesiedelt. Mit Blick auf den Kader keine unrealistische Einschätzung. Die Qualität für einen der ersten vier Plätze ist ohne Zweifel vorhanden. Der Start jedoch wirft Fragen auf. Nicht nach der sportlichen Klasse, sondern nach der mentalen Einstellung.

Ramazan Özcan, Bayer-Torhüter

„Wir haben wie schon in Mönchengladbach nach einem gutem Start nachgelassen. Es gab viel zu einfache Ballverluste. So ging unsere Kompaktheit erneut verloren“, sagte Innenverteidiger Jonathan Tah.

Mit dem 1:0 von Bailey (24.) schien die Werkself gegen Wolfsburg auf dem Weg, die ersten drei Punkte der Saison einzufahren. Nach einer Stunde aber hatten die Gäste per Eigentor des ansonsten erneut ordentlichen Ersatztorhüters Özcan (36.) sowie durch Treffer von Weghorst (55.) und Steffen (60.) die Partie auf ihre Seite gezogen. Zwar machte Özcan beim Ausgleich keine gute Figur, der Wolfsburger Gerhardt hätte allerdings gar nicht erst in Schussposition kommen dürfen. „Wir haben nicht nur in dieser Szene zu wenig intensiv verteidigt“, sagte Herrlich.

Ein Umstand, der Ramazan Özcan enttäuscht vor den Pressevertretern stehen ließ. „Mir fehlt es in der Mannschaft an der Besessenheit, der Galligkeit und der Gier, jeden einzelnen Zweikampf gewinnen zu wollen. Alle dürfen Fehler aus Leidenschaft machen, doch bei einigen habe ich Körpersprache und Anspannung vermisst. Es sollten jetzt alle wissen, was die Stunde geschlagen hat“, fand der 34-jährige Österreicher klare Worte.

Schließlich steht nach der Länderspielpause die Partie beim FC Bayern München auf dem Programm. Es droht die dritte Niederlage in Serie und für den Herbst ein langer Weg, um sich den erwünschten Tabellen-Regionen wieder zu nähern. „Wir sind jetzt in einer schwierigen Situation. München wird eine sehr harte Aufgabe, da müssen wir defensiv deutlich stabiler stehen“, meinte Heiko Herrlich besonders mit Blick auf die Zweikampfquote der ersten Hälfte. „41 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind einfach zu wenig“, so der 46-Jährige.

Die Charakterfrage will Herrlich natürlich nicht stellen, ein Mentalitätsproblem räumen aber selbst die Spieler ein. „Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir das Spiel nicht mit aller Energie noch drehen wollten“, sagte Mittelfeldspieler Kai Havertz, und Jonathan Tah meinte: „Es hat viel mit dem Kopf zu tun, daran müssen wir arbeiten.“ Der 22-Jährige fordert deshalb, dass sich vor der Fahrt nach München alle zusammensetzen. Die Situation muss erörtert und schnell verändert werden — sonst werden die ersten Pfiffe der Fans nicht mehr lange auf sich warten lassen.