Handball-WM Ex-Bundestrainer Heiner Brand: „Wir haben ein richtig gutes Team“

Wetzlar · Auf dem Weg zum Flughafen spricht Ex-Bundestrainer Heiner Brand mit uns über Christian Prokop, Steffen Fäth und seine eigene Rolle bei der Handball-Weltmeisterschaft.

 Schon mit sieben Jahren trat Heiner Brand dem VfL Gummersbach bei und fiel bald als sehr talentierter Spieler auf.

Schon mit sieben Jahren trat Heiner Brand dem VfL Gummersbach bei und fiel bald als sehr talentierter Spieler auf.

Foto: dpa/Matthias Balk

Heiner Brand sitzt im Auto, wie so oft in den letzten Jahren. Er ist auf dem Weg zum Flughafen Köln/Bonn. Eine gute Stunde bis München, dann ein Vortrag vor Kunden eines großen Sanitär-Unternehmens zu den Themen Motivation, Umgang mit Kritik, Team-Building, Zusammenführung von Individualisten. Ehe der Flieger am Abend wieder zurück geht. „Klar habe ich Zeit, Autofahren ist langweilig“, hat der 66-Jährige nichts gegen ein Interview. Und spricht (natürlich) über die deutschen WM-Chancen, Steffen Fäth, seinen Nach-Nachfolger Christian Prokop und seine Aufgaben in den kommenden Wochen.

Herr Brand, wie stehen die Chancen der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft?

In diesem Jahr gibt es keine Übermannschaft, deshalb ist für uns alles möglich. Wir haben ein richtig gutes Team, das sich vor keinem anderen verstecken muss.

Welche Rolle spielt der Heimvorteil?

Natürlich eine große, wenngleich der Druck, von dem stets geredet wird, meist nur von außen kommt. Das War schon bei unserem Titelgewinn 2007 so …

Wie gelingt es einem Trainer, den Druck des Gewinnenmüssens vor eigenem Publikum in positive Energie umzuwandeln?

Wie immer bei solchen Veranstaltungen fordern Trainer ihre Spieler auf, sich nur auf sich und ihre Leistungsfähigkeit zu konzentrieren, abzuschalten, locker zu bleiben und den Spaßfaktor nicht zu kurz kommen zu lassen. Am Ende aber, wenn das erste Match bevorsteht, laufen alle mit einem Grummeln im Magen auf. Da helfen auch keine schlauen Reden im Vorfeld.

Wo klemmt´s, wo läuft´s bei der deutschen Mannschaft?

Der Positionsangriff bereitet die größten Probleme, aber das war auch schon unter Dagur Sigurdsson nicht anders. Stark aufgestellt sind wir, nicht zuletzt aufgrund unserer körperlichen Präsenz, am Kreis. Und auch unsere Torhüter gehören zu den Besten, die der Welthandball zu bieten hat.

Was erwarten Sie von den beiden ehemaligen Spielern der HSG Wetzlar, Jannik Kohlbacher und Steffen Fäth?

Kreisläufer Jannik Kohlbacher wird im Angriff seine Einsatzzeiten bekommen, auch wenn die Konkurrenz mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek enorm ist. Auf Steffen Fäth bin ich sehr gespannt, denn zu seinem, aber auch zum Leidwesen des Bundestrainers bekommt er bei den Rhein-Neckar Löwen kaum Einsatzzeiten. Die Nationalmannschaft ist deshalb eine Chance für ihn, die er hoffentlich beim Schopfe packt. Er kann Handball spielen kann, das hat er schon oft beweisen. Dass Julius Kühn ausfällt und Paul Drux nach seiner Verletzung noch nicht ganz der Alte ist, hat dazu geführt, dass Steffen Fäth im endgültigen Aufgebot steht und sich der Bundestrainer für andere Streichkandidaten entschieden hat.

Wie erleben Sie Christian Prokop?

Er hat inzwischen verinnerlicht, dass er es nie allen recht machen kann. Er muss seinen eigenen Weg gehen, er darf sich nicht reinreden lassen. Sonst führt das automatisch zu einer Verunsicherung, die sich auf die Mannschaft niederschlägt.

Hat sich das anfangs doch sehr angeknackste Verhältnis des Teams zum Bundestrainer verbessert?

Diese Frage würde ich mit einem klaren Ja beantworten. Christian Prokop hat viel nachgedacht, er hat sich selbst hinterfragt und sich Rat geholt.

Rat geholt auch bei Ihnen?

Eher nicht. Wie haben uns bei einem Sponsorentermin in Köln mal getroffen und danach rund eineinhalb Stunden zusammengesessen. Das war es aber auch. Es ist ein Märchen, dass wir angeblich ständig telefonieren. Natürlich gebe ich gerne Auskunft, schlaue Ratschläge aber überlasse ich anderen.

Wem?

Das spielt jetzt keine Rolle. Aber klar ist, dass auch ich nicht gewollt hätte, dass mein Vorgänger Arno Ehret mir ständig reinredet. Wir hatten ein gutes Verhältnis, er war ja zeitweise auch mein Co-Trainer. Doch aufgedrängt hat er sich nie.

Zurück zum aktuellen Team: Sehen Sie Probleme in der Rückraum-Mitte, zumal Martin Strobel beim HBW Balingen/Weilstetten nur in der 2. Liga spielt?

Nein. Fabian Wiede kann dort die Fäden ziehen, auch Paul Drux ist diese Position nicht fremd. Und Martin Strobel, dem der Bundestrainer uneingeschränkt vertraut, kann eine Mannschaft im Angriff führen, denn er verleiht dem Team Stabilität. Er ist zwar kein Lautsprecher wie bei mir einst Markus Baur, er hat aber seine Qualitäten.

Welche Rolle haben Sie bei der Handball-WM inne?

Die des Zuschauers. Natürlich bin ich als WM-Botschafter bei den Spielen in Köln vor Ort, natürlich gibt es einige Sponsoren-Termine, natürlich trifft sich die 78er Weltmeistermannschaft, auch um den Geburtstag von Joachim Deckarm an diesem Donnerstag zu feiern. Ansonsten jedoch mache ich es mir auch mal vor dem Fernseher bei mir in Gummersbach gemütlich.

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