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So gelang dem Bergischen HC das Wunder von Hannover

Handball-Bundesliga : Das BHC-Wunder von Hannover

Die spektakulären letzten 67 Sekunden beim 30:30 symbolisieren die mentale Stärke der bergischen Erstliga-Handballer.

Über dieses Unentschieden wird die Handball-Bundesliga noch lange reden. Dass der Bergische HC am Donnerstagabend aus einem 27:30 beim TSV Hannover-Burgdorf in 67 Sekunden noch ein 30:30 gemacht hat, ist eigentlich unfassbar, aber auch ein Zeichen der mentalen Stärke, die die Mannschaft in dieser Saison auszeichnet. Trainer Sebastian Hinze hatte schon beim Stand von 17:17 in der Auszeit klare Worte gefunden, als der BHC einen Fünf-Tore-Vorsprung aus der Hand gegeben hatte. „Es ist völlig egal, was gerade passiert ist“, leitete er ein. Es folgten taktische Anweisungen, kein Rückblick – diese vom 41-Jährigen gelebte Stärke, sich immer nur auf die nächste Aktion zu konzentrieren, hat sein Team verinnerlicht. Und sie prägte auch die spektakuläre Endphase:

Noch 79 Sekunden: TSV-Coach Carlos Ortega nimmt bei 29:27 für sein Teams eine Auszeit. Der Spanier spricht gebrochenes Englisch und ist in der Hektik anscheinend nicht von allen Spielern zu verstehen. Vier Sekunden nach dem Wiederanpfiff scheint dies aber egal zu sein. Ex-BHCer Fabian Böhm erzielt mit seinem neunten Treffer das 30:27. Die 1635 Fans in der Zag-Arena feiern bereits.

Noch 69 Sekunden: Mental haben wohl auch die TSV-Spieler bereits mit der Partie abgeschlossen. Sie traben freudig zurück, während BHC-Torhüter Tomas Mrkva den Ball schnell Richtung Mittelkreis zum Anwurf feuert, und der überragende Spielmacher Tomas Babak ungestört im Vollsprint durchläuft und aus sechs Metern das 28:30 markiert.

Noch 54 Sekunden: „Irgendwann mussten wir sie schießen lassen, sonst wäre uns die Zeit davon gelaufen“, wird Tomas Babak später sagen. Und tatsächlich: Fabian Böhm tut dem BHC den Gefallen, indem er sehr schnell den Weg zum Tor sucht. Doch Tomas Mrkva pariert.

Noch 36 Sekunden: David Schmidt wirft in den Block, wird dabei aber gefoult. Freiwurf – Babak hat den Ball, dribbelt, wackelt und tankt sich zum 29:30 durch. Eine sensationelle Einzelaktion. Beim Zurücklaufen zeigt der Tscheche hektisch an, dass Hannover doch bitte schnell anwerfen soll. Dem 26-Jährigen ist anzumerken, dass er noch ganz fest an eine überraschende Wende glaubt.

Noch 19 Sekunden: Die Löwen stellen die nächste Wurffalle. Die Hausherren scheinen nicht darüber nachzudenken, wie sie das Tempo verschleppen können, um irgendwie wichtige Zeit von der Uhr zu nehmen. Alfred Jönsson sieht die freie Bahn Richtung Tor und nutzt sie. Die Endstation heißt aber wieder Mrkva.

Noch neun Sekunden: David Schmidt beweist einmal mehr sein Selbstvertrauen. Er sucht den Zweikampf, geht an den Kreis und wird gefoult. Die Unparteiischen entscheiden auf Siebenmeter.

Noch drei Sekunden: Arnor Gunnarsson schreitet zur Tat. Genau der, der in nahezu identischer Situation gegen die HSG Wetzlar vergeben hatte. Der Isländer bleibt cool, verwandelt und sichert dem BHC damit diesen – eigentlich unmöglichen – Punktgewinn. Dazu macht er sich selbst das schönste Geschenk zu seinem 33. Geburtstag an diesem Freitag. David Schmidt trifft nachher den Nagel auf den Kopf: „Es tut mir leid, wenn jemand zwei Minuten vor Schluss den Fernseher ausgeschaltet hat. Man darf uns niemals aufgeben.“ Den Beweis hat die Truppe eindrucksvoll erbracht.