Gewalt im Amateurfußball: Kieferbruch statt Fallrückzieher

Gewalt im Amateurfußball: Kieferbruch statt Fallrückzieher

Weil ein Fußballer den Schiri attackiert, wird ein Spiel abgebrochen. Das ist kein Einzelfall in den Amateurligen.

Essen. Am Wochenende standen in NRW wieder Zehntausende Fußballer in den Amateurklassen auf dem Sportplatz. Faustschläge, Kieferbrüche und Strafanzeigen haben dort nichts verloren. Doch immer wieder rückt die Polizei zu unterklassigen Spielen aus: Attacken auf Schiedsrichter oder Gegenspieler, Schlägereien unter Zuschauern.

In Detmold wurde vor einigen Monaten ein Spieler zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er seinem Gegner eine Kopfnuss verpasste. Am vorletzten Sonntag streckte ein Spieler in Essen den Unparteiischen zu Boden, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Ist die Kreisliga ein Ort der Gewalt? Die Zahlen widersprechen diesem Eindruck. Der Fußballverband Niederrhein (FVN) führt seit dieser Saison eine Statistik und hat von Juli bis Dezember 2014 insgesamt 74 Gewaltdelikte gezählt. Darunter fallen Handgreiflichkeiten der Spieler untereinander, aber auch Angriffe auf Schiedsrichter. Unparteiische waren in 29 Fällen betroffen, 13 Begegnungen mussten abgebrochen werden.

„Das ist keine hohe Zahl bei insgesamt etwa 35 000 Spielen in diesem Zeitraum“, sagt FVN-Vizepräsident Jürgen Kreyer. Der Vizepräsident des Fußballverbandes Westfalen, Manfred Schnieders, sagt: „In der Regel handelt es sich um Einzelfälle.“ Der Fußballverband Mittelrhein registriert ebenfalls keine Verschärfung. „Gefühlt nimmt, wenn überhaupt, die Intensität der einzelnen Taten zu“, sagt dessen Vizepräsident Stephan Osnabrügge und betont: „Wir haben kein Gewaltproblem.“

Wissenschaftlerin Thaya Vester bestätigt das. Die Kriminologin der Universität Tübingen forscht zur Gewalt im unterklassigen Amateurfußball und hat im Auftrag des DFB bundesweit Spielberichte ausgewertet. Ihr Befund: Die Gewaltbelastung liegt im Durchschnitt bei etwa 0,5 Prozent aller Spiele.

Gleichwohl treiben Hitzköpfe in manchen Vereinen ihr Unwesen, sind Tätlichkeiten bis hin zu Straftaten nicht zu übersehen. In Essen zum Beispiel gab es in dieser Saison schon mehrfach Spielabbrüche. Der Fußballkreis hat reagiert. „Ein Verein bekommt bis zur Spruchkammerverhandlung keine Schiedsrichter abgestellt“, sagt der Kreisvorsitzende Thorsten Flügel. Der Verein kann vorerst keine Pflichtspiele mehr absolvieren.

Flügel kann sich vorstellen, noch einen Schritt weiterzugehen: „Wenn die Vereine nicht mitziehen, müssen wir sie vom Spielbetrieb ausschließen.“ Allerdings ist das aufgrund der Strukturen im Verband nicht ohne weiteres möglich. Für gewalttätige Spieler wünscht er sich harte Strafen — sportrechtliche und strafrechtliche. „Nur das hilft“, so Flügel. Der FVN bietet aber auch kostenlose Schulungen zur Gewaltprävention an. „Das wird leider nur schleppend angenommen“, sagt Kreyer.

In Essen beschäftigt sich derweil die Politik mit den Brutalos auf dem Platz. Der Rat der Stadt hat die Verwaltung beauftragt zu prüfen, ob es möglich ist, Spielern ein befristetes Hausverbot auf allen städtischen Sportanlagen zu erteilen, wenn sie von einem Sportgericht verurteilt worden sind. lnw