Gastbeitrag von Markus Schön: Der Selbstmord des Sports

Gastbeitrag : Der Selbstmord des Sports

Markus Schön von der Stadt Krefeld rechnet mit dem Profisport ab. Geschlossene Freibäder vor der Haustür und 80-Millionen-Transfers in der Bundesliga, Sanierungsstau hier und Edelstadien dort, das geht seiner Meinung nach gar nicht.

80 Mio. Euro für einen Bayern-Spieler, Funktionäre, die in die eigene Tasche wirtschaften, keinerlei Bereitschaft der Deutschen Fußballliga (DFL) für erhöhtes Polizeiaufgebot bei kommerziellen Ligaspielen zu zahlen - und das alles vor dem Hintergrund eines Sanierungsstaus kommunaler Sportanlagen in Rekordhöhe: Wenn das Geld, das im Profisport verdient wird, nicht stärker auch gemeinwohlorientiert dem Breitensport zugutekommt, dann drohen nicht nur dem Sport, sondern unserem Gemeinwesen insgesamt, Spaltung und Kollaps.

Sport ist im positiven Sinne facettenreich wie kaum eine andere Betätigung: Er dient der Gesundheit, der Bildung, der Integration, vermittelt Werte und Tugenden wie Fairness, Disziplin und Zusammenhalt. Im Sport sind alle gleich und die Wahrheit liegt „auf‘m Platz“, egal wo Du herkommst. Biografien von Spitzensportler*innen sind oftmals Geschichten des sozialen Aufstiegs.

Auf der anderen Seite der Medaille ist beispielsweise Schwimmen heute schon zu einer sozialen Frage geworden, denn gerade Kinder aus sozial herausgeforderten Verhältnissen lernen immer seltener Schwimmen.

Doch wie sollen sie auch, wenn immer mehr öffentliche Bäder geschlossen werden? Zu meinen traurigsten Amtshandlungen im ersten Jahr als Sportdezernent einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen gehörten die Schließung eines Hallenbades und eines Naturbades in städtischer Trägerschaft. Das Hallenbad ist nach Notertüchtigungsmaßnahmen mittlerweile wieder geöffnet, doch höchstens solange, bis eine Generalsanierung oder ein Neubau nachhaltig Abhilfe schaffen. Jährlich werden in Deutschland hunderte Bäder geschlossen, da Kommunen im Nothaushalt sich deren Instandhaltung und den Betrieb nicht mehr leisten können. Als sogenannte „freiwillige Aufgabe“ ist die kommunale Sportförderung Jahr für Jahr beliebige Verhandlungsmasse im freien Spiel der Haushaltsberatungen und fällt nicht selten in gewichtigen Teilen dem Rotstift des Kämmerers zum Opfer.

Dabei sind veraltete und marode Bäder nur die Spitze eines unrühmlichen Eisbergs: Bundesweit wird der Sanierungsstau kommunaler Sportanlagen in einem gemeinsamen Papier von Deutschem Olympischen Sportbund und Deutschem Städtetag auf circa 31 Milliarden Euro (!) beziffert.

Auch wenn seitens der Bundesländer derzeit einige Investitionsprogramme zur Sanierung kommunaler und vereinseigener Anlagen vor Ort auf den Weg gebracht werden, so sind diese vom Umfang her auch nur Tropfen auf den heißen Stein. Und die Welt des Profisports, in der ja zumindest in Sportarten wie Fußball, Basketball oder Eishockey doch einiges an Geld im Umlauf ist? Hält sich bei der Unterstützung der kommunalen Sportinfrastruktur mehr als vornehm zurück.

Im Gegenteil: Nicht zuletzt durch immer anspruchsvollere Vorgaben durch Verbände und Ligen an Sportstätten produziert der Sport selbst zusätzlichen Erneuerungsdruck auf die kommunale Sportinfrastruktur, freilich ohne die damit verbundenen Kosten auch nur ansatzweise aufzufangen. So schön und aller Ehren wert es für eine Kommune ist, als Standort eines von bundesweit sieben Olympiastützpunkten im Kunst- und Bodenturnen fungieren zu dürfen, so schnell hält sich die Begeisterung hierfür in engen Grenzen wenn man realisiert, dass ohne eine eigens dafür von der Kommune zur Verfügung gestellte Turnhalle dies nicht zu bewerkstelligen wäre.

Das viele Geld, das in der Welt des Profisports im Umlauf ist, beschränkt sich also auf wenige Sportarten, die ihren Kuchen auch tunlichst selbst verspeisen wollen. Alle anderen - auch die mit olympischen Ansprüchen - sind dann wieder auf die öffentliche Hand angewiesen – und sei es eine Kommune im Nothaushalt mit maroden Schulen, in der jedes vierte Kind in Armut lebt und etliche Kitaplätze fehlen. Doch es kommt noch besser: Dass der auch nicht gerade im Geld schwimmende Stadtstaat Bremen bis vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen musste, um zu erstreiten, dass er von der DFL die Kosten besonders aufwändiger Polizeieinsätze zur Gewährung der Sicherheit kommerzieller Ligaspiele von Werder Bremen ersetzt bekommt, zeigt das Grunddilemma des kommerziellen Profisports auf: Gewinne durch TV-Rechte, Eintrittsgelder und sonstige Vermarktungsstrategien sollen tunlichst im System bleiben, Kosten nach Möglichkeit der Allgemeinheit und somit dem Steuerzahler aufgebürdet werden.

Markus Schön von der Stadt Krefeld. Foto: nein/Jochmann, Dirk (dj)

Mit einem solchen Ansatz sind Spielertransfers von 80 Millionen Euro oder äußerst respektable Zuwendungen an Verbandsfunktionäre kein Problem inklusive „Peanuts“ wie eine Uhr im Wert von 6.000,- Euro. Da mutet es schon etwas absurd an, dass keinerlei Debatten über die Gemeinnützigkeit des DFB geführt werden. Will der Sport weiterhin für die eingangs erwähnten positiven Tugenden und Attribute stehen, müssen diese Mechanismen durchbrochen werden und eine solidarische Umverteilung von ertragreichen Sportarten hin zu Sportarten, die kommerziell nicht so im Fokus stehen, einsetzen. Das bedingt aber auch ein viel selbstbewussteres Auftreten von Sportpolitiker*innen auf Bundes- und Landesebene gegenüber den Akteuren und Lobbyisten in Verbänden und Ligen.

Begünstigt werden müssen dabei gerade auch die Kommunen, damit sie ihre Sportstätten erneuern und erhalten können. Denn jeder Pofifußballer von morgen braucht heute einen Sportplatz vor der Haustüre, auf dem seine Talente entdeckt und gefördert werden können! Eine solch gemeinwohlorientierte Veränderung der deutschen Sportpolitik wird auch dazu führen, dass die Akzeptanz in der Bevölkerung für sportliche Großereignisse wie Olympische Spiele wieder deutlich steigt.

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