Karsten Hutwelker: „Ich war ein Rädelsführer“

Karsten Hutwelker: „Ich war ein Rädelsführer“

WSV-Trainer Karsten Hutwelker blickt auf viele Stationen im Profifußball zurück.

Wuppertal. Der Wuppertaler Sportverein ist die erste größere Trainer-Adresse für Karsten Hutwelker. Der gebürtige Wuppertaler, der nun die Mission-Drittliga-Aufstieg verfolgen soll, kennt sich im Fußballgeschäft allerdings glänzend aus. Seit 1990 tingelte er von Düsseldorf über Bochum bis Augsburg durch alle Profiligen, spielte einmal sogar kurz in Italien. Nicht weniger als 13 Vereine stehen in seinem beruflichen Lebenslauf.

Herr Hutwelker, kann Ihnen im Fußballgeschäft überhaupt noch jemand etwas vormachen?

Karsten Hutwelker: Dazu lernen kann man jeden Tag, zumal ich als Trainer ja jetzt sozusagen die Seiten gewechselt habe.

Wer waren denn ihre wichtigsten Trainer?

Hutwelker: Ganz am Anfang war es Alex Ristic. Was ich von ihm an Taktik und vor allem Disziplin mitbekommen habe, war enorm. Später mit Eberhard Vogel in Jena war es dann noch ein Schritt weiter technisch, aber auch in Sachen kompletter Mannschaftsdisziplin. Im Osten muss man sagen, gehen die Uhren ohnehin etwas anders. Rein fußballerisch natürlich Klaus Toppmöller, der mich beim VfL Bochum noch einmal extrem weiter ausgebildet hat. Beeindruckt hat mich auch die Gelassenheit am Spielfeldrand, mit vielen Extremsituationen sehr human umzugehen, die Reiner Hörgl in Augsburg an den Tag gelegt hat.

Was haben Sie aus Italien vom AC Florenz mitgenommen?

Hutwelker: Da bin ich zum Taktikfuchs geworden. Was wir da an Taktikeinheiten unter der Woche hatten, war unglaublich. Mit Weltmeister Pietro Vierchowod als Trainer und Giovanni Galli als Sportdirektor hatte ich dort zwei absolute Größen des Weltfußballs, von denen man etwas mitnehmen muss. Alles andere wäre dumm.

Das war damals Seria C?

Hutwelker: Ja, ich hatte in der Seria B unterschrieben, aber zwei Wochen später waren sie abgestiegen. Trotzdem bestand die Mannschaft noch aus vielen Stars. Rui Costa etwa oder Angelo Di Livio unser Kapitän. Die sind dann auch ganz schnell wieder aufgestiegen, leider ohne mich. Ich hatte einen Dreijahres-Vertrag unterschrieben, aber aufgrund der Geburt meines Sohnes, die sehr kompliziert war, habe ich damals nach fünf Monaten meinen Vertrag aufgelöst, der eigentlich drei Jahre gelaufen wäre.

Und die Erinnerung an ihre Regionalliga-Zeit beim WSV, war es eine schwierige Zeit?

Hutwelker: Nein, überhaupt nicht. Es war unter Werner Fuchs eine sehr schöne Saison. Wir sind leider an dem Überteam Arminia Bielefeld damals gescheitert, mit vielen ehemaligen Profis vom Hamburger SV wie Thomas van Heesen. Wir hatten eine junge wilde Mannschaft, mit der es Spaß machte zu spielen, aber wir waren zu dem Zeitpunkt noch nicht reif genug. Wir sind immerhin Dritter geworden.

Hatten Sie damals das Gefühl gehabt, als Wuppertaler ungerecht behandelt zu werden?

Hutwelker: Da habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ich war noch so jung und unverbraucht, ich wollte nur Fußball spielen. Es hat erst viel später eingesetzt, dass ich mir Gedanken gemacht habe, was Medien und auch Fans ausmachen können.

Wohin tendiert ihr Trainerbild, eher harter Hund oder Taktikfuchs?

Hutwelker: Ich will, dass die Leute Spaß haben, wenn sie zum Training kommen. Ansonsten versuche ich das zu vermitteln, was mir in den 20 Jahren meiner Karriere geholfen hat. Ich bin vier oder fünfmal aufgestiegen und auch dreimal abgestiegen und glaube, für mich herausgefiltert zu haben, was entscheidend ist, um aufzusteigen.

Das wäre?

Hutwelker: Individuell, gruppentaktisch, mannschaftstaktisch zu arbeiten. Nicht alle über einen Kamm zu scheren, aber auch sich nicht nur auf Einzelne zu konzentrieren. Das schwächste Glied so nah wie möglich an den Besten heranzuführen.

Was waren Ihre Negativerlebnisse?

Hutwelker: Von Negativerlebnissen zu sprechen, wäre bei 20 Jahren Fußball vermessen. Es gab Zeiten, wo es nicht so gut gelaufen ist. Etwa nach meinem Wechsel zu Wattenscheid 09 in die Bundesliga. Da war ich Stammspieler unter Hannes Bongartz, verletzte mich in der Winterpause und einen Tag, bevor ich mein Comeback geben sollte, wurde Hannes Bongartz gefeuert. Ich habe dann kein Spiel mehr gemacht. Das war so ein kleiner Karriereknick. Paradox ist, in Bochum bin ich zwar nicht auf die Spiele gekommen, die ich machen wollte, hatte da aber sportlich mit der Mannschaft sicherlich die schönsten Jahre. Dann wechsele ich zum 1. FC Köln, was für mich immer ein Kindheitstraum war, mache unter Bernd Schuster zwar fast alle Spiele, aber es war sportlich das schlimmste Jahr, was ich erlebt habe. Der Kicker sprach vom FC Bayern der 2. Liga. Aber da hat die tägliche Arbeit überhaupt keinen Spaß gemacht.

Das lag am Trainer?

Hutwelker: Das lag einerseits am Trainergespann, aber auch daran, wie die Mannschaft zusammengestellt war. Das waren Individualisten, die keine Nähe zugelassen haben. Für mich ein absolut verlorenes Jahr.

Gibt es Freundschaften im Fußballgeschäft?

Hutwelker: Klar. Ich glaube auch, die Tendenz geht wieder dahin, wieder mehr miteinander zu unternehmen. Ich glaube auch, dass das materielle, was über fünf, sechs Jahre mal extrem war, keine Nähe zugelassen hat. Es wurden ja Gehälter gezahlt von Liga eins bis Regionalliga, die waren Wahnsinn.

Wie lange hat es gedauert, bis man bei Ihnen wusste, dass es mit ihrer Knochenkrebserkrankung gut ausgeht?

Hutwelker: Bis zur OP war noch ein Monat. Da hat mir mein Bekanntheitsgrad schon geholfen, dass sich sieben absolute Experten um mich gekümmert haben. Letztendlich haben sie sich auf den Professor Zöller in der Uni-Klinik Köln verlassen, der gesagt hat, dass er das mit einem operativen Eingriff komplett wegbekommt. Im Vorfeld waren Chemotherapien angedacht, das wollte ich natürlich alles nicht.

Hat die Heimatstadt Wuppertal immer mal wieder einer Rolle gespielt oder waren sie weg und kommen jetzt wieder.

Hutwelker: Ja, so war es. Ich war unterwegs und habe immer in Ligen gespielt, wo der WSV nicht gespielt hat. Andererseits Wuppertal ist meine Heimatstadt, Eltern und Freunde habe ich hier immer wieder besucht.

Als Zaungast waren sie trotzdem beim WSV auf der Tribüne.

Hutwelker: Spiele habe ich mir immer mal wieder angeguckt. Es ist ja schließlich der ranghöchste Verein im Tal, auch wenn ich in der Jugend beim ASV gespielt habe.

Haben Sie eine Idee, warum es beim WSV seit 1994 nicht mehr geklappt hat, den Weg nach oben anzutreten?

Hutwelker: Weil sie mich nicht langfristig gebunden haben (lacht). Nein im Ernst, da kann man quer durch Deutschland und die Welt fahren, da gibt es überall Traditionsvereine, die dieses Schicksal erlitten haben. Strukturen, Umfeld, das muss alles mitwachsen, wenn da mal kein Rückhalt ist, dann geht ein Verein schweren Zeiten entgegen. Beim WSV sind es Gott sei Dank nur die sportlichen Talfahrten, viele andere Vereine sind von der Landkarte ganz verschwunden.

Die Infrastruktur hat sich geändert in den 15 Jahren, seit sie hier waren?

Hutwelker: Ja. Bei mir war damals die Oberbergische Straße auf dem heutigen Baseballfeld der Haupttrainingsplatz. Ab und zu sind wir noch auf den Leichtathletikplatz gegangen. Mittlerweile gibt es hier Trainingsmöglichkeiten, die selbst manche Mannschaft in der Zweiten Liga nicht hat.

Und das Stadion?

Hutwelker: Das sieht mittlerweile richtig toll aus. Da müssen vielleicht Kleinigkeiten gemacht werden, dann ist es sofort für die 2. Liga tauglich. Da haben die Verantwortlichen drum herum alles super aufgebaut, es muss nur halt mal sportlich nachgezogen werden.

Sie sind seit 14 Jahren verheiratet. Ist die Familie der ruhende Pol, den man in dem Geschäft braucht?

Hutwelker: Man braucht auf jeden fall eine Anlaufstelle, wo man weiß, dass man zu Hause ist. Mein Lebensmittelpunkt ist in Erftstadt bei Köln, wo wir seit 1998 wohnen. Andererseits bin ich die Hälfte der Zeit alleine unterwegs gewesen. Das gehört dazu. Ich wollte immer maximalen Erfolg, und meine Frau hatte dafür von Anfang an Verständnis.

Gibt es Lieblingsplätze in Wuppertal, wo sie hingehen?

Hutwelker: Dazu bleibt im Moment keine Zeit. Meine Kinder gehen unheimlich gerne in den Zoo, und mein Sohn liebt es, Schwebebahn zu fahren. In meinen Kopf ist natürlich noch der Gelbe Sprung verankert. Da habe ich als kleiner Bub den Rasen gestreichelt und zu meiner Mutter gesagt, hier will ich mal spielen, wenn ich groß bin. Daran habe ich mich erinnert, als ich mit dem WSV dort ein Probetraining gemacht habe und gedacht: Wow, was ist seitdem alles passiert.

Ist Wuppertal also doch eine besondere Station?

Hutwelker: Ganz klar. Einerseits ist es meine erste große Station als Trainer und dann noch in meiner Heimatstadt. Was kann es Schöneres geben?

Wie gewinnt man die Fans wieder zurück? Die Hoffnung ist, dass sie als Wuppertaler mit einer neuen Mannschaft sie zurückholen.

Hutwelker: Ich unterscheide das ein bisschen. Ich halte wenig davon, alles vom Erfolg abhängig zu machen. Der richtige Wuppertaler Fan kommt sowieso. Die, die man überzeugen muss, werden wir versuchen zu überzeugen, indem wir im Training alles tun, um nachher die Art Fußball zu spielen, wie ich ihn mir vorstelle und natürlich auch Erfolg zu haben.

Ist es ein richtiger Eindruck, dass vor allem robuste Spieler gekommen sind?

Hutwelker: Das war für mich zweitrangig. Für mich war wichtig, dass sie eine gewisse Qualität und Erfahrung mitbringen, aber vor allem vom Charakter hier hin passen und unsere Ziele mitverfolgen. Mir nutzt der beste Fußballer nichts, wenn er sich nicht darauf einstellt, wie in der Regionalliga Fußball gespielt wird und nicht teamfähig ist.

Aus eigenen Konflikten mit Trainern, haben sie da gelernt?

Hutwelker: Schwer zu sagen. Ich war immer Rädelsführer in meinen Mannschaften, war Jahre lang Kapitän, habe aber die Binde nie gebraucht, um meine Meinung sagen zu können. Ich will nicht sagen, dass es mir unangenehm ist, wenn ich solche Spieler hätte, es macht die Sache aber sicher nicht einfacher. Ich glaube schon, dass ich dem ein oder anderen Trainer ganz schön auf den Keks gegangen bin.

Nehmen sie daraus mit, die Spieler ruhig mal reden zu lassen.

Hutwelker: Ich kann Emotionen einschätzen und kenne meine Spieler schon ein wenig. Ich weiß, wen ich in welcher Situation ernst nehmen kann, und bei wem ich Fünfe gerade sein lassen kann. Es wird aber nicht so sein, dass ich zulassen werde, dass Spieler das ausnutzen können.

Zuletzt mangelte es hier an Typen. Sie würden ihren Spielern auch den Freiraum lassen, Typ zu sein?

Hutwelker: Absolut. Wenn der Spieler mir auch auf dem Platz mit seiner Leistung zeigt, dass er weiß, wo es lang geht, kann er mir sagen, was er möchte. Wenn es sich nur noch auf das Verbale beschränkt, hat er aber ein Problem, dann ist mir auch egal, wie er heißt.

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