"Kammerspiel" unter Flutlicht im Stadion am Zoo reißt mit

Hörfußballspiel : Kammerspiel unter Flutlicht reißt mit

Die Premiere des Hörfußballspiels in Erinnerung an die Bundesliga- Partie WSV gegen Bayern vor 47 Jahren erhält von allen Seiten großes Lob. Zwei weitere Termine.

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Diese eiserne Regel wurde am Samstag bei Flutlichtatmosphäre im Stadion am Zoo für eine ganz besondere Aufführung durchbrochen. Gut 45 Minuten lang entführte Theaterregisseur Michael Uhl die Zuhörer an den Radiogeräten auf der Frequenz 107,4 von Radio Wuppertal und die Laiendarsteller auf dem grünen Rasen mit seinem Hörfußballspiel in eine Welt, die heute für die Wuppertaler Fußballseele mehr als die 47 Jahre entfernt scheint, die es in Wirklichkeit sind. Und zwar zum 4. Oktober 1972, als der damalige Bundesligaaufsteiger Wuppertaler SV den Deutschen Meister FC Bayern an den Rand einer Niederlage brachte. Dass man dem Favoriten beim 1:1 am Ende den ersten Punkt der Saison abknöpfte ist Legende. Scheinbar halb Wuppertal wollte die bayerischen Europameister Beckenbauer, Müller, Maier, Hoeneß und Schwarzenbeck und ihre eigenen Helden Günter Pröpper, Manfred Müller, „Eia“ Cremer und Manni Reichert sehen.

Waren es sogar mehr
als 40 000 Zuschauer?

Die damaligen WSV-Stars Manfred Cremer (l.) und Günter Pröpper (r.) sind zur Premiere mit ihren Frauen Brigitte und Helga gekommen. Foto: Fries, Stefan (fri)

Waren es damals sogar mehr als die angegebenen 40 000 Zuschauer im Stadion am Zoo, wie Zeitzeugen in dem Hörfußballspiel mutmaßen? „Ich konnte nur auf den Schultern meines Vaters überhaupt etwas sehen, und erinnere mich noch, wie hinter mir die Leute aus den Bäumen purzelten“, sagt Friedhelm Kölker, der sich heute als „Mitspieler“ gemeldet hat, und wie die übrigen gut 60 gespannt ist, was dieses Hörfußballspiel bedeutet. Wie er, finden sich viele ehemalige und aktuelle WSV-Fans, die an 1972 noch eigene Erinnerungen haben.

„Der Ausgleich für Bayern war unglücklich, ich habe gesehen, wie der gute Manfred Reichert den Schuss von Bernd Dürnberger abgefälscht hat“, sagt Lutz Strack, damals ebenfalls als kleiner Junge mit dem Papa dabei. So mancher hat jetzt seinen Sohn mitgebracht, um ihn am damals unerhörten Erlebnis teilhaben zu lassen.

Und tatsächlich nimmt die Atmosphäre die Teilnehmer gleich gefangen, als sie nach Anweisungen aus dem mitgeführten UKW-Radio durch das Marathontor als zwei Teams ins Stadion einziehen. Jetzt stehen die Ränge leer im Halbdunkel, doch mit Phantasie und den plastischen Schilderungen kann man sich vorstellen, wie das gewesen sein muss, als auch die ehemals schnellste Radrennbahn der Welt schwarz vor Menschen war. „Jetzt schaut euch um und winkt ins Publikum“, lautet die Regieanweisung, während sich die Teams beidseits der Mittellinie in Reihe formieren. Jede Mannschaft mit dem Vereinslogo um den Hals und auf der Rückseite dem Namen, des Spielers, den sie darstellen sollten.

„Der Franz, der war schon etwas ganz Besonderes, der Müller machte alle seine Tore aus dem Strafraum“, hört man die vertraute Stimme des bayerischen Kultradio-Reporters Günther Koch sagen, den Uhl in seiner Collage eingebaut hat. Dann erklingt der Anpfiff und die Darsteller werden verschoben. Die WSV-Verteidiger Manfred Reichert und Manfred Kremer müssen sich auf den langen Weg zur gegnerischen Grundlinie machen. Unerhört, der Aufsteiger schnürt die Bayer zunächst ein.

Dieter Lömm als falscher
Linksaußen

Dieter Lömm macht als falscher Linksaußen für Reichert die Bahn frei. Mit dieser Taktik von Horst Buhtz rockte der WSV damals die Liga. Überhaupt der Trainer. „Damals stimmte alles“, hört man Torjäger Günter Pröpper im Radio schwärmen. Heute sitzt er mit Teamkollege Manfred Kremer auf der Tribüne, schaut sich mit rund 50 weiteren das Geschehen von oben an. Wie sich die Ketten immer neu formieren. „Das hat eine ganz eigene Kraft, die nicht nur als Fußballspiel funktioniert“, sagt Michael Uhl und spricht von einer Kulturveranstaltung, die nicht nur Sportfans in ihren Bann zieht. Zumal er das Geschehen in die Zeit eingeordnet hat.

Oberbürgermeister Andreas Mucke, der heute den WSV-Torschützen Jürgen Kohle mimen darf, dankt später nicht nur Michael Uhl, sondern auch dem Fanprojekt Wuppertal, das Uhl die Partie für sein Hörfußballspiel ans Herz gelegt hatte, dem WSV als Gastgeber im Stadion und auch dem Sportamt, das das Stadion zur Verfügung stellte. Viele Schritte waren für die Umsetzung in den vergangenen eineinhalb Jahren zu gehen gewesen, wie Thomas Lükeville vom Fanprojekt betont. Nur durch die Beteiligung des Fanprojekts München etwa hatte man als Förderer die DFL und die DFB-Kulturstiftung ins Boot holen können.

Nun hofft Michael Uhl, dass er für kommendes Wochenende erneut genügend Spieler auf den Platz bekommt - am Freitag, 18. und Samstag, 19. Oktober, jeweils ab 19.30 Uhr. Karten gibt es noch für zwei Aufführungstermine. Sowohl für die Teilnahme als Aktiver auf dem Platz (12,50 Euro), als auch als Zuschauer und Zuhörer auf der Tribüne (drei Euro). Erhältlich sind sie in der WSV-Geschäftsstelle im Stadion sowie im WSV-Fanshop in der Rathaus-Galerie. Ab kurz nach 20 Uhr wird der Beitrag dann erneut auf der Frequenz 107,4 ausgestrahlt. Dazu gibt es eine Ausstellung zur Entwicklung der Fankultur im Fußball.

Infos unter:

hoerfussballspiele.de

(gh)
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