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WM 2018: Südkoreas Ein-Prozent-Chance gegen Deutschland

WM 2018 : Südkoreas Ein-Prozent-Chance gegen Deutschland

Der südkoreanische Fußball hat den Anschluss verpasst. Nationaltrainer Tae-Yong Shin findet es eine Ehre, schon äußerlich mit Löw verglichen zu werden.

Kasan. Tae-Yong Shin ist definitiv ein sehr höflicher Herr. Gleich für die erste Frage auf der simultan übersetzten Pressekonferenz in der Kasan-Arena vor dem Duell gegen Deutschland (Mittwoch, 16 Uhr MESZ/ZDF) drückte der Nationaltrainer Südkoreas noch einmal den Kopfhörer fest an sein Ohr. Hatte er das wirklich richtig verstanden, ob es ihm gefalle, äußerlich mit Joachim Löw verglichen zu werden? „Für mich persönlich ist das eine große Ehre. Er ist der beste Trainer der Welt. Er zieht sich sehr modisch an.“ Und bald sollte der 47-Jährige auch noch sagen: „Deutschland ist viel stärker als wir. Aber der Ball ist rund. Und es gibt kein Gesetz, dass wir nicht schaffen können, was Mexiko auch gelungen ist.“

Tatsächlich hielte ja ein Sieg seiner „Taeguk Warriors“ gegen den Weltmeister die Möglichkeit aufs Weiterkommen offen, wenn parallel noch Mexiko gegen Schweden gewänne. Aber wie wahrscheinlich ist das bei der Leistungsstärke der Asiaten? Im Grunde gab sich das Bundestrainer-Double Shin dann doch keinen Illusionen hin: „Wir haben ein Prozent Chance. Wir wollen sie, so klein sie auch ist, versuchen zu nutzen, um ein Highlight dieser WM zu setzen.“ Der ehemalige Bundesligaspieler Heung-Min Son, der als Leistungsträger bei Tottenham Hotspur als einer der wenigen Profis gehobenes internationales Niveau verkörpert, bemühte eingedenk des Ausfalles von Kapitän Sung-Yong Ki (Swansea City) nämlich auch die Ein-Prozent-These, um die Ausgangslage zu beschreiben: „Deutschland ist sehr viel besser als wir, das müssen wir akzeptieren.“ Und wie hatte Südkoreas Fußball-Legende Bum-Kun Cha schon vor dem Turnier konstatiert: „Alle unseren Gruppengegner sind stärker. Unser Fußball steckt momentan in der Krise.“

Die bisherigen Auftritte haben die Einschätzung des ehemaligen Bundesliga-Stars von Darmstadt 98, Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen noch unterfüttert. Härte und Handlungsschnelligkeit, Tempo und Taktik: In vielen Bereichen sind Defizite aufgetreten, die Nationaltrainer Shin als Verwalter eines Mangels nicht so schnell ausmerzen kann. „Wir haben Probleme mit unserem Fußball-System. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Mannschaft verbessern und mit jungen Leuten arbeiten.“

Heung-Min Son war auch von Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In (r.) nach dem 1:2 gegen Mexiko nicht zu trösten. Foto: dpa

Es hilft auch nicht weiter, dass sich die südkoreanischen Fans sich in den sozialen Netzwerken auf Verteidiger Hyun-Soo Jang eingeschossen haben, dem beim 1:2 gegen Mexiko ein fatales Handspiel unterlief. Angeblich sind beim Präsidialamt 300 Petitionen gegen den Unglücksraben eingegangen, die sogar eine Vertreibung aus der Heimat vorsehen. Südkoreas Fußballverband (KFA) versucht verzweifelt gegenzusteuern. Die Stimmung ist ohnehin nicht die Beste, weil auch Shin als Nachfolger des vor einem Jahr entlassenen Uli Stielike nicht unumstritten ist. Immerhin führte er Südkoreas U23-Auswahl bei den Olympischen Spielen 2016 nach einem sehenswerten 3:3 im zweiten Gruppenspiel gegen Deutschland bis ins Viertelfinale, wo es allerdings ein ernüchterndes 0:1 gegen Honduras gab.

Der 47-Jährige gilt weniger als gewiefter Taktiker denn als ausgesprochener Pragmatiker. Viele Landsleute hatten sich im Vorlauf zur zehnten WM-Teilnahme Guus Hiddink gewünscht. Solche Rufe manifestierten in doppelter Hinsicht eine Verklärung der Vergangenheit. Zum einen gilt der inzwischen 71 Jahre alte Niederländer längst nicht mehr als Vorreiter in seinem Metier. Zum anderen wäre ein von ihm dirigierter Vormarsch wie mit dem Erreichen des Halbfinals gegen Deutschland (0:1) bei der Heim-WM 2002 gar nicht möglich gewesen, wenn es damals schon den Videobeweis gegeben hätte. Die skandalösen Schiedsrichterentscheidungen speziell im Viertelfinale gegen Spanien werden in Südkorea allerdings selbst von den höflichsten Menschen verdrängt.