Emil Forsberg - Schwedens Alleskönner

Emil Forsberg - Schwedens Alleskönner

Emil Forsberg gilt als einer der technisch besten Schweden seit Zlatan Ibrahimovic, aber der Offensivkünstler von RB Leipzig ist deshalb so wertvoll, weil er keine Sonderrechte benötigt.

Sotschi/Kasan. Das Bild haben sich viele Landsleute über den langen Winter eingerahmt, weil das Foto mit den vielen strahlenden Gesichtern selbst die trüben Tagen der dunklen Jahreszeit aufheitert. Jedenfalls wird diese Geschichte gerade unter schwedischen Anhängern erzählt, die durch die russischen Weiten reisen.

Das Dokument entstand am 13. November vergangenen Jahres. Stadion San Siro in Mailand. Hinter den Helden schon schwarze Nacht, die steilen Tribünen jener Stätte, in dem die Fußball-Nation Italien gerade ihr Trauma erlebt hat, weitgehend leer. Auf dem Rasen posieren glückliche Männer in gelben Hemden fürs Siegerfoto. Ganz vorne liegt Robin Olsen auf dem Rasen. Der Torwart. Ganz hinten ragt Andreas Granqvist heraus. Der Kapitän. Ein bisschen abseits geht Emil Forsberg ein wenig in die Knie. Der Taktgeber. Manche sagen, dieses Team bestehe aus zehn Holzfällern und einem Violinisten, den der bei RB Leipzig spielenden Forsberg verkörpert. Einer der besten Techniker, der für Tre Kronor in der Post-Zlatan-Ibrahimovic-Ära gegen den Ball getreten hat.

Der 26-Jährige hat es zwar vergangenes Jahr nicht zu Schwedens Fußballer des Jahres geschafft — das wurde Granqvist —, und er war auch nicht Matchwinner vergangenen Montag beim 1:0-Arbeitssieg gegen Südkorea — das war auch Granqvist —, aber ihm kommt für das Aufeinandertreffen gegen Deutschland heute (20 Uhr MESZ/ARD) in Sotschi die Doppelrolle als Ratgeber und Mutmacher zu. „Der Moment ist gut, sie haben gerade verloren. Der ganze Druck lastet auf Deutschland. Wir werden mit einem verdammt guten Gefühl ins Match gehen, weil wir wissen, dass wir defensiv stabil sind“, hat Forsberg gesagt.

Seinem Trainer Janne Andersson hat er im Detail gewiss noch ein bisschen mehr geflüstert. Niemand weiß besser über die gegnerischen Spieler Bescheid als der 37-fache schwedische Nationalspieler, der in Deutschland anderthalb Jahre durch das Stahlbad zweite Liga ging, um dann zu einem anerkannten Strategen im Oberhaus aufzusteigen.

Seine Form in seiner ersten Bundesliga-Saison (8 Tore/22 Vorlagen): überragend. Seine Verfassung in der zweiten (2/2): wechselhaft. Im Nationalteam bleibt der meist auf der linken Seite eingesetzte 1,79-Meter Mann eine feste Größe. Weil sich der Künstler klaglos ins (Defensiv-)Konzept einordnet. „Wir sind ein absolutes Mentalitätsteam“, erklärt die Nummer zehn. Das Motto ist nicht mehr: alle für einen, sondern einer für alle.

Die schwedische Stärke speiste sich ja lange daraus, dass blonde Mannsbilder mit einem untergebenen Lächeln für ihre Ikone Ibrahimovic schufteten, damit dieser vielleicht mit einem lichten Moment das Match entscheidet. Dass sich „Blågult“, die Blau-Gelben, von den Launen der teils sehr nervenden Diva gelöst haben, ist ihr größter Verdienst. Forsberg kam bei diesem Wandel eine Schlüsselrolle zu. „Ich habe schon das Gefühl, dass nach Zlatans Rücktritt der Druck oder die Erwartung an meine Person zugenommen hat“, bekannte er kürzlich. Ihm sei damals sofort klar gewesen, „dass ich jetzt einen Schritt nach vorne machen muss“. Nun sei er eben derjenige, der nach Trainingseinheiten den Jüngeren ins Gewissen redet und „den Jungs auch mal Feuer unter dem Arsch macht“.

Ansonsten gilt Forsberg als Star ohne größere Allüren. Er besitzt eine blendende Ballbeherrschung. Eine schnelle Auffassungsgabe. Und einen winzigen Wendekreis. Sein Körperschwerpunkt liegt gefühlt tiefer als bei den meisten Kollegen, was wiederum nichts damit zu tun hat, dass er aus Sundsvall, der geografischen Mitte des Landes stammt. Ihm kommt zupass, dass er lange andere Sportarten betrieb.

Bevor er mit 17 Jahren für seinen Heimatverein GIG Sundsvall in der ersten Mannschaft kickte, spielte Forsberg noch Floorball. Die Unihockey-Variante wird in Schweden Innebandy genannt. Die abrupten Drehungen und schnellen Richtungswechsel, die an guten Tagen sein Spiel prägen, könnten tatsächlich vom Eishockey stammen. Dazu kommt das Talent, das ihm in die Wiege gelegt wurde. Vater Leif und Großvater waren auch Fußballprofis. 2012 landete er beim Spitzenklub Malmö FF, wo sie Ibrahimovic noch heute huldigen, weil er hier aufwuchs. Drei später überwies RB Leipzig 3,7 Millionen Euro. Sportdirektor Ralf Rangnick nannte ihn bald die „schwimmende Zehn“. Ein Alleskönner und Allesmacher. Obwohl der mit seiner Jugendliebe Shanga verheiratete Forsberg seinen Vertrag bis 2022 ausgedehnt hat und zu einem der Bestverdiener beim Brauseklub aufgestiegen ist, tauchten von seiner Seite nicht nur einmal konkrete Wünsche nach einer Luftveränderung auf. Nach dieser WM könnte das die Regel werden.

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