WM in Russland: Das WM-Wochenende: Ein Shitstorm, schlechte Witze und ein überzeugender Christoph Kramer

WM in Russland: Das WM-Wochenende: Ein Shitstorm, schlechte Witze und ein überzeugender Christoph Kramer

Sieben Spiele an zwei Tagen — das erste WM-Wochenende ist vorbei. Der Samstag war sogar für den hartgesottensten Couchsitzer und TV-Nerd ein anstrengendes Unterfangen. 13 Stunden sendete das ZDF durch, nimmt man das Sportstudio noch mit.

Der Ball war immer noch rund, die Augen schon viereckig. Egal. Weiter, immer weiter, hat Olli Kahn schon gesagt. Das waren die interessantesten Themen:

Zum Lachen in den Keller: Fangen wir am Freitagabend an. Da meldeten sich Jörg Thadeusz und Micky Beisenherz noch im Ersten aus dem Hamburger Mojo Club. Den Keller auf der Reeperbahn hatte das Duo für ihr „WM Kwartira“ gewählt, weil es als „offen lebend homosexuelles Paar“ die Reise nach Russland scheute. Der erste Gag von Beisenherz zog nur so halb. Danach wurde es besser: Olli Schulz und Olli Dittrich als Sofa-Fans haben ebenso Potenzial wie die „russische“ Nachrichtensprecherin. Höhepunkt der Sendung: der Auftritt von Hockey-Olympiasieger Jan Philipp Rabente und seinem nach eigenen Angaben völlig unmusikalischen Männerchor „Goldkehlchen“. Auch sie dürfen gerne regelmäßig in das Late-Night-Format kommen, mit dem die ARD ihre Turniertage abschließt und das durchaus noch positiv Luft nach oben hat. An Waldis WM-Club erinnert dabei nur noch ein Dackel, der ohne Weißbier in seinem Körbchen sitzt. An Beckmanns „Sportschule“ Gott sei Dank gar nichts.

Immer auf Ballhöhe: Soziale Medien können witzig sein, manchmal aber sind die Menschen, die sich dort tummeln, einfach nur unreflektiert und dämlich. So wie ein User bei Twitter, der Claudia Neumann vorwarf, sie sei untragbar, weil sie nicht einmal den Namen „Messi“ richtig aussprechen könne. Ein Blick auf die Aufstellung hätte nicht geschadet, werter Pöbler! Denn neben Messi stand nun mal auch Maximiliano Meza in der Elf der Argentinier. Und den spricht man nun einmal so aus. Überhaupt bewegte sich die Kommentatorin fachlich stets auf Ballhöhe, wirkte unaufgeregt, ordnete Szenen gut und ein und legte sich etwa beim Elfmeter schnell fest. Auch am Sonntag führte sie gut durch die Partie Costa Rica gegen Serbien. Dabei ließ die 54-Jährige immer wieder interessante Details zu den Spielern einfließen. Für alle, die immer noch ein Problem damit haben, dass eine Frau ein Fußball-Spiel kommentiert: Gewöhnt euch dran. Mit diesen beiden Spielen hat sich Claudia Neumann eindeutig für weitere WM-Einsätze qualifiziert.

Joker des Wochenendes: Was hatte die ARD in den ersten beiden Tagen nicht alles an Experten aufgefahren. Bei den Vor- und Nachbetrachtungen im Studio waren teilweise genau so viele Leute am Start, wie beim G-7-Gipfel in Kanada. Das musste das ZDF ja provozieren, war ihm doch wenige Wochen vor der WM mit Sebastian Kehl einer von nur zwei Ex-Profi-Experten weggebrochen. Und so zog das Zweite einen echten Joker aus dem Ärmel: Christoph Kramer. Weltmeister von 2014, kann sich daran nicht mehr erinnern, dafür aber total entspannt über vieles andere erzählen. Erklärte Taktik sehr präzise, aber nicht dröge, gab einen ehrlichen Einblick, wie Sportler die Musik vor den Spielen auswählen („Ich höre immer viel deutsch, weil ich englisch nicht gut verstehe“), und wusste, was Hectors Ausfall bedeutet („Das ist schon blöd“). Musste deshalb am zweiten Tag auch nicht weichen, als Welke und Kahn übernahmen, sondern mit Olli & Olli weiter plaudern. „Den lass ich euch da. Der kann etwas jugendliche Frische“ reinbringen, meinte Jochen Breyer. Hat gewirkt.

Der meistgehörte Mann: Das Kommentatorenquartett beim ZDF ist das gleiche wie vor zwei Jahren bei der EM. Den ersten deutschen Auftritt übernimmt Oliver Schmidt. Kein leichter Auftrag für den 45-Jährigen. Er muss den indiskutablen Auftritt des deutschen Teams in der ersten Halbzeit erklären und lässt dabei noch Milde walten. „Wann wacht Deutschland auf bei der WM 2018?“, fragt er in der zweiten Hälfte dann rhetorisch. Da das alles nur recht halbherzig passiert, wird Schmidt etwas genommen. Sobald es in Tornähe geht, hebt er sehr seine Stimme und schreit fast. Das ist durchaus authentisch, wenn auch recht lästig. „Jogi Löw nimmt viele Erkenntnisse aus diesem Spiel mit. Wirklich hoffnungsvolle sind es aber nicht“, sagt Schmidt zum Abschluss. Damit hat er eindeutig recht.