Weltrekordler und Riegel-Rudi: Gutendorf wird 85

Weltrekordler und Riegel-Rudi: Gutendorf wird 85

Berlin (dpa) - Selbst mit 85 Jahren würde es Trainer-Globetrotter Rudi Gutendorf sogar noch mal in der Bundesliga wagen. „Mit zwei jungen Assistenten würde ich mir das zutrauen“, sagte er in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa.

„Mit meiner Erfahrung könnte ich viel verbessern“, meinte der Coach, der auf mehr als 50 Stationen als Fußball-Coach - von Antigua bis Simbabwe - zurückblicken kann. „Ich war schon am ersten Tag der Bundesliga dabei“, betonte Gutendorf - am Dienstag feiert er seinen 85. Geburtstag.

Direkt geplant sei nichts, meinte der Weltreisende in Sachen Fußball. Allerdings wird seine Prominentenauswahl, die nach Gutendorfs Angaben bereits über eine Millionen Euro für wohltätige Zwecke eingespielt hat, ihrem Trainer bei der Feier in Koblenz einen Besuch abstatten. „Und so um die 30 Freunde werden auch noch kommen“, erzählte Gutendorf. Zu erzählen wird es viel geben. Das Anekdotenrepertoire des reiselustigen Trainers, der bei seinen Stationen auf allen fünf Kontinenten auch vor schwierigen Aufgaben in gefährlichen Gegenden keineswegs zurückschreckte, ist unerschöpflich.

Schon als Spieler trainierte der Rheinländer nebenbei andere Mannschaften. Und er fing ganz unten an: Nach dem Krieg coachte Gutendorf unter anderem den Kreisklassen-Club SV Rengsdorf - für „20 Mark pro Trainingsabend und belegte Leberwurstbrote“, wie einstmals berichtet wurde. Bis zu seinem ersten Auslandseinsatz dauerte es aber noch ein bisschen. Zuerst erlangte Gutendorf, der später wegen seiner Vorliebe für defensiv orientierten Fußball den Spitznamen „Riegel-Rudi“ bekam, 1952 das Trainerdiplom. Der am 30. August 1926 geborene Coach war damals der jüngste lizenzierte Trainer in Deutschland.

Dem Ruf der Ferne - wenn auch noch nicht der ganz weiten - folgte Gutendorf drei Jahre später. Zuerst als Spielertrainer bei den Blue Stars Zürich, denn beim FC Luzern in der Schweizer Nationalliga B. Er stieg mit dem Club auf und holte 1960 den Schweizer Pokal. 1961 zog es Gutendorf nach Afrika, genauer nach Tunesien. „Machen S'es jut da, Herr Jutendorf. Sonst nehmen die einen aus der Soffjetzone“, sagte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer, als er Gutendorf in Bonn Richtung Monastir verabschiedete.

Nach einem Jahr kam er wieder zurück nach Deutschland. „Ich bin der geborene 'Kurzstreckentrainer', denn ich kann über drei bis sechs Monate Feuer entfachen, die Leute begeistern und da habe ich bei meinen kurzfristigen Auslandsjobs auch immer Erfolg gehabt“, sagte Gutendorf einmal über sich selbst.

Er trainierte in Deutschland unter anderem den FC Schalke 04, den HSV, Hertha BSC, 1860 München oder den VfB Stuttgart. Und der Blick zurück ist auch ein Blick in einer andere Fußball-Welt. „Bei Schalke und beim HSV hatten wir nicht mal einen Torwarttrainer“, erzählte Gutendorf. Vom aktuellen Zustand des deutschen Fußballs, insbesondere der Nationalmannschaft, ist der Trainer-Missionar begeistert. „Joachim Löw leistet eine großartige Arbeit“, betonte Gutendorf - für die DFB-Auswahl sehe er ganz, ganz zuversichtlich in die Zukunft.

Selbst klappt es mit dem Kicken etwas eingeschränkter. Von einem schweren Autounfall vor über zwei Jahren hat sich Gutendorf allerdings wieder gut erholt. Er könne auch wieder 20 Minuten joggen, sagte er. „Nur kann ich nicht mehr in die Gasse marschieren, wenn mich der Eckel steil schickt“, sagte Gutendorf scherzend.

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