Lothar Matthäus über die Bundesliga: „Es ist eine Minute vor zwölf!“

Lothar Matthäus über die Bundesliga: „Es ist eine Minute vor zwölf!“

Lothar Matthäus spricht über Jupp Heynckes, Gladbach, Stögers künftige Rolle und die Situation der Bundesliga und natürlich auch über Fortuna.

Düsseldorf. Er lebt in Budapest, weil er dort „unerkannt essen gehen kann“ und nicht „schräg angequatscht wird“. Und dann fliegt er aus Ungarn immer wieder nach München. Lothar Matthäus hat derzeit „zwölf bis 15 Arbeitgeber“. Er ist TV-Experte, arbeitet für die Deutsche Fußball Liga (DFL) in der Auslandsvermarktung, schreibt Kolumnen, ist Testimonial, vor allem für Puma, seit 40 Jahren. Er spielt für die Legendenmannschaft beim FC Bayern. Und vielleicht kommt bald ein DFB-Job dazu, sagt er.

„Zwölf bis 15 Arbeitgeber“ — und vielleicht demnächst noch ein DFB-Job: Lothar Matthäus. Foto: Bernd Weiߟbrod

Und eigentlich redet Lothar Matthäus immer über Fußball. „Das wird bei mir nie mehr anders sein“, sagt er an diesem Mittag in Düsseldorf bei einer Gesprächsrunde mit Journalisten. Der 56-Jährige ist entspannt, das Leben meint es wieder gut mit ihm. Matthäus — der Eindruck steht — hat die Kurve bekommen. Er klagt nicht mehr. Er ärgert sich nicht mehr über verpasste Chancen. Er ruht in sich. Vielleicht ist das die beste Nachricht, die dieser Weltklasse-Fußballer von einst mitbringt. Niemand hat ihn kleingekriegt. Und wenn man ihn so erlebt, ist man geneigt zu sagen: völlig zu Recht.

Seine Meinung sagen, das konnte Matthäus immer. Jetzt ist es sein Job. „Ich mache privat ja nichts anderes. Ich rede über Fußball. Das wäre auch ohne Kamera so“, sagt er und lächelt. Am Samstag ist er in Düsseldorf. Am Abend trifft er sich mit einem Freund. Am nächsten Tag steht er acht Stunden für Sky vor der Kamera in München. Gegen 22 Uhr geht es zurück nach Budapest. Zwischendrin: Meinungen von einem, der wirklich Ahnung hat vom Fußball. Und doch nicht noch einmal Trainer sein will: „Das Kapitel ist vorbei und abgeschlossen.“

Fußball-Rekordnationalspieler Lothar Matthäus rät DFB-Pokalsieger Borussia Dortmund zu einer Weiterverpflichtung von Trainer Peter Stöger über die laufende Saison hinaus. „Unter Stöger hat sich Dortmund wieder gefangen. Unter ihm hat der BVB noch nicht ein Mal verloren. Wenn ein Trainer erfolgreich ist, gibt es keinen Grund, sich zu trennen. Stöger macht das gut, er kommt bei den Spielern gut an", sagte TV-Experte bei einem Termin mit Journalisten in Düsseldorf.

Stöger habe wie zuvor in Köln die defensive Balance gefunden und spiele erfolgreich. „Er schafft es, die Abstände zwischen den Ketten gering zu halten“, sagte Matthäus. Unter Stöger spiele der BVB nicht attraktiv, aber erfolgreich. „Und das ist es, was jetzt zählt.“ Zuletzt hatte auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke eine Vertragsverlängerung mit dem ehemaligen Kölner Trainer in Aussicht gestellt. „Er hat noch kein Spiel verloren. Wenn er weiter keins verliert, wären wir schon blöd, wenn wir nicht mit ihm weitermachen", sagte Watzke.

Gleichwohl sieht Matthäus Änderungsbedarf im Dortmunder Kader. „Sie brauchen einen Drecksack-Spieler. Der hat ihnen gefehlt, weil sie zu sehr auf die Talente geachtet haben bei der Kaderplanung. Aber du braucht sie, nach wie vor“, sagte Matthäus.

„Eigentlich geht Gladbach ausgeruht ins Spitzenspiel gegen belastete Dortmunder. Trotzdem spricht viel gegen sie. Die haben nach der Winterpause keinen Rhythmus gefunden. Die Mannschaft ist in Ordnung, aber überragende Spieler spielen woanders, weil dort mehr Geld fließt. Spieler wie Kramer, Ginter oder Vestergaard sind viel zu ruhig. Wo sind die, die auf hohem Niveau ein Zeichen setzen? Man braucht Leader. Kramer ist ein netter und fleißiger Mannschaftsspieler, aber nett? Von Gladbach muss mehr erwartet werden. Ich habe mir immer sehr hohe Ziele gesetzt, um sie auch zu erreichen. Mindestens intern muss das klar angesprochen werden. Gladbach muss mit Schalke und Leverkusen um die Champions-League-Plätze ringen. Der Club ist immer noch meine Liebe.“

„Der ist erfahren genug, um das Steuer zu wenden. Er sollte wissen, was er zu tun hat. Ich traue es ihm zu. Es gibt jetzt die Diskussion, dass er immer nur ein System spielt. Aber er hat im Januar beim 0:2 in Frankfurt mit der Dreierkette auch schon etwas anderes probiert und ist damit auf die Schnauze gefallen. Trotzdem muss er es noch anders versuchen.“

„Ein richtig guter Weg, sie haben tolle, junge Spieler. Das allerdings hat man gegen Berlin gesehen, solche Spiele darf man nicht verlieren, wenn man in die Königsklasse will. Und das können sie schaffen. Mit Bailey haben sie ein tolles Juwel an Land gezogen.“

„Ich glaube, dass Köln absteigen wird. Sieben Punkte sind eine Menge. Obwohl ich mich für meinen Freund Armin Veh freuen würde, wenn es irgendwie noch klappt.“

„Tedesco scheint jetzt ein guter Trainer für die Spieler zu sein. Mit Bentaleb hat er aber einen überragenden Spieler, den er jetzt hinbekommen muss. Und: Ich rate Max Meyer, bei Schalke zu bleiben. Und dem Club rate ich, für Meyer auch ein bisschen mehr auszugeben.“

„Jupp hat sich extrem weiterentwickelt. Wenn wir früher verloren haben mit Gladbach, hat er drei Tage kein Wort mit uns geredet. Jetzt geht er mit den Spielern ganz anders um. Und ihm gelingt alles, sogar Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge verstehen sich wieder. Er hat sie wirklich alle eingefangen, weil er den Menschen schätzt. Ob er weitermacht? Ich würde ihn das ganz allein entscheiden lassen. Meine Idee: Jupp macht noch ein Jahr, Jogi Löw nimmt sich nach der WM eine Auszeit und übernimmt dann 2019 die Bayern.“

„Einige Sachen, die er in den letzten eineinhalb Jahren rausgehauen hat, haben mich schon überrascht. Das war für mich fremd, wenn ich das mit dem Uli Hoeneß der Vergangenheit vergleiche.“

„Es ist eine Minute vor zwölf, wir können uns nicht ausruhen. Das zeigt die internationale Bilanz der Liga in diesem Jahr. Es wäre eine Katastrophe, wenn wir mittelfristig zwei CL-Plätze verlieren. Trotzdem bin ich dafür, dass das Sagen immer im Verein bleiben muss. Wenn Investoren dazukommen sollen, sollen sie kommen und zahlen. Aber sie müssen sich raushalten. Immer.“

„In Düsseldorf wird es Zeit, dass man nach oben kommt. Schon wegen der Infrastruktur und der Geschichte von Verein, Stadt und Fans. Düsseldorf ist bereit für die Bundesliga, und die Liga freut sich auf Fortuna. Die Mannschaften, die wirklich gefährlich werden könnten, haben schon Abstand. Und Ingolstadt hat schon acht Punkte Rückstand. Das ist eine Menge.“

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