Löws neuer Kapitän: Wer ist hier der Boss?

Löws neuer Kapitän: Wer ist hier der Boss?

Am Dienstag will Joachim Löw seinen neuen Kapitän bekannt geben. Neuer, Khedira und Schweinsteiger haben Chancen.

Düsseldorf. Die Frage war eine andere. Aber Manuel Neuer ist es gewohnt, die brisanten Fragen zu versachlichen und eine Antwort von bewundernswert geringer Aussagekraft zu formulieren. Neuer kann das gut, er hält ja auch im Fußball-Tor ziemlich sachlich, zumindest ist er kein Schausteller, der einen Schritt nach links macht, um spektakulärer nach rechts fliegen zu können. Warum also sollte so einer mal einen raushauen und sagen: „Seht her, ich bin Weltmeister, man bewundert mich für meinen neuen Torwart-Stil, die Mannschaft hört auf mein Wort. Also, bitte schön, her mit der Kapitänsbinde.“

Nein, Neuer sagte am Montagmittag in einem Mercedes-Haus in Düsseldorf: „Ich stelle mich nicht in den Vordergrund. Es wird eine vernünftige und gute Lösung geben, darüber können wir uns freuen.“ Und erst auf die Bemerkung des Reporters, er habe gefragt, ob Neuer Kapitän werden wolle, sagte der 28 Jahre alte Bayern-Torwart: „Wenn der Trainer mir das zutraut, würde ich es machen. Ich müsste aber erst im Gespräch herausfinden, wie die Situation ist.“

Das ist die Frage, die die Fußball-Nation derzeit umtreibt. Am Montagabend soll Bundestrainer Joachim Löw der Mannschaft den Nachfolger des zurückgetretenen Philipp Lahm genannt haben. Am Dienstag wird Löw gegen Mittag die Öffentlichkeit unterrrichten. So heißt es.

Ob es Neuer wird? Einiges spricht für den gereiften Torwart, vor allem sein Ansehen in der Mannschaft, seine Präsenz — und die Tatsache, dass Neuer eigentlich nie fehlt, wenn Löw ruft. Ein wesentliches Merkmal, das einigen Konkurrenten um jenen Posten abgeht, den DFB-Teammanager Oliver Bierhoff „eigentlich für überschätzt“ hält. Bierhoffs Bewertungskriterium: „Weil es ohnehin nicht nur einen Ansprechpartner gibt, mit dem der Bundestrainer die Taktik bespricht.“

Bastian Schweinsteiger zum Beispiel hat sich in Rio als emotionaler Leader fußballhistorisch unsterblich gemacht, fehlt aber immer wieder verletzt. Auch jetzt, wenn es in Düsseldorf gegen Argentinien (Mittwoch, 20.45 Uhr, ZDF) und am Sonntag in Dortmund in der EM-Qualifikation gegen Schottland (20.45 Uhr, RTL) geht, fehlt Schweinsteiger. Die entzündete Patellasehne ist seine Achillesferse.

Zudem gilt Schweinsteiger wohl als Kommunikator nach innen, nicht aber nach außen. In Brasilien etwa sprach der 30 Jahre alte Münchener über Wochen nicht mit Journalisten. Das ist legitim, aber kein Bewerbungsmoment für einen Posten, der dem Amtsinhaber zu weiterem Ruhm verhilft — und begehrt ist. Auch wenn das niemand sagt. „Es ist gefordert, dass er eine große Persönlichkeit und ein Kommunikator ist“, sagte Bierhoff, der früher selbst jahrelang DFB-Kapitän war.

Auch Sami Khedira war lange weg, vor der EM 2012 mit Bänderdehnung, nach der EM 2012 mit einem Muskelfaserriss. Und vor der WM 2014 mit einem Kreuzbandriss gar für 169 Tage. Auch am Montag fehlt er beim öffentlichen Training. Dass Khedira trotzdem das Wort sucht, ist bekannt. Bei der WM soll seine offene Kritik am USA-Spiel, in dem er selbst freilich fehlte, nicht gut angekommen sein. Löw hält trotzdem große Stücke auf ihn — was aber für alle Kandidaten gilt.

Neuer brachte am Montag auch Thomas Müller ins Spiel, und das eigentlich Interessante war, wen Neuer außen vor ließ: Über Mats Hummels, den Dortmunder, den diverse Medien ins Rennen geworfen hatten, verlor der Torwart aus München mit Schalker Vergangenheit kein Wort. Wohl ein Hinweis mit Hintergrund: Hummels gilt in der Nationalelf noch immer als einigermaßen umstritten. Und nicht als einer, hinter dem sich eine Mannschaft versammeln ließe. Und das ist die Mindestanforderung an den Neuen.