China sucht den Anschluss im Frauenfußball

Fußball-WM in Frankreich : China sucht den Anschluss im Frauenfußball

Aus der einstigen Führungsmacht China ist im Frauenfußball eine Nation geworden, die wieder den Anschluss sucht – dafür braucht es aber mehr Spielerinnen im Ausland als nur Shuang Wang.

Der Roazhon Park von Rennes ist für die Frauen-WM längst bereit: das Grün penibel gepflegt, die fast 30.000 roten Sitzschalen geputzt. Chinas Nationaltrainer Jia Xiuquan schaute sich in diesem Ambiente, gemeinhin vom französischen Männer-Pokalsieger Stade Rennes bespielt, am Freitagvormittag in staatsmännischer Pose um. Neuerdings müssen WM-Teilnehmer auf Geheiß des Weltverbandes FIFA ohne ein Abschlusstraining auskommen, dürfen aber am Spielort eine öffentliche Platzbesichtigung vornehmen, was die Abgesandten aus dem Reich der Mitte mit landestypischer Gründlichkeit erledigte.

Dass die chinesischen Fußballerinnen vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Deutschland (Samstag 15 Uhr/ARD) nicht mal eine Viertelstunde ihres Übungsbetriebs preisgeben mussten, passte der Delegation ganz gut in den Kram. Einerseits betonte der Nationalcoach Xiuquan zwar, dass die heimische Womens’s Super League – analog zu den Männern - „offen für ausländische Spieler und Trainer“ sei, aber vor solch einem wichtigen Leistungsvergleich kommen vorher nicht mehr Karten auf den Tisch als unbedingt nötig.

„Wir werden lernen und wollen den Abstand zu den besten Nationen verringern“, betonte der Trainer, der nach Personal, Taktik oder Ausrichtung gar nicht mehr gefragt wurde. Ergäbe ohnehin keine gescheite Antwort. Auch seine Abwehrchefin und Kapitänin Haiyan Wu mochte nichts preisgeben. „Wir wollen unser Bestes geben“, beteuerte die 113-fache Nationalspielerin im eingeübten Stakkato.

Der Weltranglisten-16. gilt zwar nicht als völliges Mysterium – den Test gegen Frankreich (1:2) konnte sich die deutsche Assistenztrainerin Britta Carlson in Creteil vor den Toren von Paris ja anschauen – aber noch wäre man wohl am liebsten hinter jenem himmelblauen Vorhang geblieben, der den Pressekonferenzraum verschönert. Immerhin sagte Xiuquan noch, dass sich seine Spielerinnen in den langen Winter-Trainingslagern „taktisch und physisch“ verbessert hätten. Der ehemalige Nationalspieler ist der erste Einheimische, der nach letztlich erfolglosen Versuchen mit ausländischen Übungsleitern und insgesamt vier Trainerwechseln in vier Jahren, betroffen auch der Franzose Bruno Bini, die „Stahlrosen“ wieder zu alter Leistungsstärke führen soll.

Denn aus der einstigen Führungsmacht ist eine Nation geworden, die im Frauenfußball den Anschluss sucht. Vor 20 Jahren war China im WM-Finale vor mehr als 90.000 Zuschauer in Pasadena drauf und dran, die Übermacht USA in deren Wohnzimmer zu besiegen. Seitdem fehlte dem Vizeweltmeister 1999 mal mehr oder mal weniger, um Zählbares zu verbuchen. Bei der WM 2015 scheiterte China an den USA (0:1), bei den Olympischen Spielen 2016 an Deutschland (0:1). Jeweils im Viertelfinale.

In 30 Duellen mit der DFB-Auswahl hat China überhaupt nur sechsmal gewonnen, „diese Bilanz wollen wir verbessern“, versicherte Xiuquan. Und natürlich kennt der 55-Jährige das übergeordnete Ziel seines Staatspräsident Xi Jinping, der davon träumt, dass China bis 2050 im Fußball an die Weltspitze vordringt. Bei Frauen und Männern. Der Coach möchte daher, dass sich mehr junge Spielerinnen durch in europäischen Vereinen „mental und physisch verbessern“.

Einzige Legionärin ist bislang Shuang Wang (95 Länderspiele / 26 Tore), die sich bei Paris St. Germain durchgesetzt hat. Die 24-Jährige gibt mit Shanshan Wang (131/ 45) ein erstaunlich treffsicheres Offensivgespann ab, vor dem auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg einigen Respekt hegt. „Auf Nummer sieben und elf müssen wir aufpassen.“ Doch ob Chinas Auswahl wirklich konkurrenzfähig ist, wird sich erst zeigen, wenn heute im Roazhon Park von Rennes keine Versteckspiele mehr möglich sind.

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