WZ-Interview: „Fans verlieren die Geduld“

WZ-Interview: „Fans verlieren die Geduld“

Dirk Bierholz vom Fanprojekt und Fan-Beauftragter Harald Schmidt im WZ-Interview.

Düsseldorf. Die Fortuna-Fans durchlebten in Braunschweig ein Wellenbad der Gefühle, feierten nach dem 5:5 ihre Drittliga-Fußballer aber mit Applaus.

Irgendwie sinnbildlich für die Situation des Klubs in den vergangenen Wochen: Es ist immer was los, es wird immer geredet. Von der sportlichen Situation über den Rücktritt von Aufsichtsratschef Reinhold Ernst bis zu den Spekulationen um einen Einstieg von Investor Daniel Jammer.

Im WZ-Interview erklären Fan-Projekt-Leiter Dirk Bierholz und Harald Schmidt, einer von zwei Fanbeauftragten, was die Fans des Traditionsvereins vor dem heutigen Drittliga-Spiel gegen Jena bewegt.

Bierholz: Ich spüre eine gesunde Skepsis, aber ich würde es mir wünschen. Schmidt: Ich hoffe natürlich darauf, so wie viele andere. Die Fans verlieren sonst die Geduld.

Bierholz: Bei den Jüngeren, die zu uns ins Fan-Café kommen, ist vor allem die Einkesselung durch die Polizei an der Gaststätte Kastanie beim Heimspiel gegen Union Berlin das Thema.

Schmidt: Unter den Fan-Klubs geht es mehr um die Jahreshauptversammlung mit dem Rücktritt von Aufsichtsratschef Reinhold Ernst. Die Mehrheit ist jetzt der Meinung, dass der Schmutz, der auf Ernst nachträglich geworfen wird, absolut fehl am Platze ist.

Bierholz: Mittlerweile sind sehr viele Fans auch Mitglieder geworden, da ist eine massive Verjüngung geschehen. Viele kamen in der jüngeren Vergangenheit über den "Supporters Club" dazu, weil sie was bewirken wollen.

Bierholz: An den Themen bei den Jahreshauptversammlungen: Angefangen mit Anti-Rassismus-Paragraphen bis zur Diskussion um Stehplätze in der Arena. Generell ist die Szene kritischer geworden.

Schmidt: Zumindest wissen alle ganz genau, dass wir Dinge nur gemeinsam erreichen können. Bierholz: Wenn die Fans sich einig sind, können sie durchaus die Mehrheit im Verein ausmachen.

Bierholz: Es war ja auch einfach eine Unverschämtheit. Unter anderem bekommt der Fortuna-Sicherheitsbeauftragte Sven Mühlenbeck einen mit dem Knüppel übergebraten. Da konnte der Verein auch nicht anders.

Schmidt: Letztlich hätte man nach den Ausschreitungen im Hinspiel und den Angriffen auf die Straßenbahnen mit Schlimmerem gerechnet. Für die Masse an Fans war es doch unheimlich ruhig.

Bierholz: Das darf man aber nicht alles zusammenschmeißen. Das Wuppertal-Spiel hatte eine extreme Vorgeschichte. Deshalb haben wir das Spiel gut vorbereitet in den Sicherheitsbesprechungen.

Bierholz: Bei uns gibt es den Block 41 und 42, eine "selbst verwaltete Kurve". Teile der Ultra-Szene machen den Ordnungsdienst.

In Absprache mit dem Verein gibt es die absolute Verpflichtung, auf bengalische Fackeln, Rauchpulver und ähnliches zu verzichten. Das hat bis jetzt 100-prozentig geklappt. Im Hinspiel gegen Wuppertal, als die Gäste-Fans so ausgerastet sind, haben sich unsere mehr als friedlich verhalten.

Bierholz: Wenn man diese Sache ausdehnen würde, wäre man nah dran. Verglichen mit der Situation vor anderthalb Jahren, als in Wuppertal Leuchtspurmunition flog und in Essen der Block brannte, hat sich mittlerweile gewaltig viel getan.

Schmidt: Ich kann mir beides absolut nicht vorstellen. Seit 25 Jahren bin ich Fortune, da sind schon viele gekommen, die Geld geben wollten. Meiner Meinung nach wird das zu groß aufgebauscht.

Bierholz: Das stimmt vorne und hinten nicht. Wenn da einer ist, der zu viel Geld hat und was professionell aufbauen möchte, der würde doch bei Fortuna anrufen, mit den Verantwortlichen im Stillen besprechen und nicht über die Boulevardpresse gehen.

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