Fortuna Düsseldorf: Wolf Werner: „Fortuna steht vor einem Riesenabgrund“

Fortuna Düsseldorf : Wolf Werner: „Fortuna steht vor einem Riesenabgrund“

Wolf Werner macht sich große Sorgen und glaubt, dass der Aufsichtsrat „offenbar seine Aufgaben missversteht“.

Düsseldorf. Herr Werner, wie beurteilen Sie die aktuelle Situation bei Fortuna?

Wolf Werner: Zunächst einmal habe ich mich wahnsinnig gefreut, dass Fortuna in der 2. Liga geblieben ist. Aber nach diesem wichtigen Schritt scheint es wieder in die alte Richtung zu gehen. So viele Leute sind in so kurzer Zeit entlassen worden. Nach der Trennung von Rachid Azzouzi wird eine weitere Abfindung fällig. Und wie es aussieht, stehen noch weitere Personalentscheidungen an. Das finde ich absurd. Ein Jurist hat mir neulich gesagt: Wenn ein Aufsichtsrat so ins operative Geschäft eingreift, tritt die Haftung in Kraft. Und wenn so viel Geld verpulvert wird, sagte der Anwalt weiter, sollte geprüft werden: Ist das nicht vielleicht Veruntreuung des Vereinsvermögens? Jedes Mitglied muss sich doch fragen, wer für dieses Chaos verantwortlich ist. Nach Ansicht des Aufsichtsratsvorsitzenden Reinhold Ernst sind es andere, jede Kritik an dem Gremium wird abgewehrt. Der Club hat es nicht verdient, Opfer von persönlichen Eitelkeiten zu werden.

Sie werden nicht müde, das Selbstverständnis des Aufsichtsrates zu kritisieren.

Werner: Ich habe ja selbst erlebt, wie man dort mit Menschen umspringt. Man kann die Wirtschaft nicht auf den Fußball übertragen, die Leute müssen vielmehr wissen, wie der Fußball funktioniert. Und das weiß im Vorstand und im Aufsichtsrat niemand mehr. Diese Leute können den riesigen Imageverlust von Fortuna gar nicht übersehen. Sogar am Wochenende im Zirkus Roncalli wurde ich angesprochen: Was ist da los? Kommen Sie zurück!

Können Sie sich vorstellen, bei Fortuna wieder Verantwortung zu übernehmen?

Werner: Zeitlich begrenzt wäre das denkbar, zum Beispiel zur Einarbeitung eines Fortuna-affinen jungen Managers wie Jens Langeneke oder Sascha Rösler. Aber nicht unter diesen Bedingungen. Denn der Aufsichtsrat hat anscheinend immer mehr die Führung des Vereins übernommen. Das ist auch der Hauptgrund gewesen, weshalb ich 2012/13 ein Angebot von Dirk Kall zur Vertragsverlängerung abgelehnt habe. Wir haben Anfang 2014 einen absolut seriös geführten Verein übergeben. Jetzt gehen die Zuschauerzahlen zurück, ich höre, dass auch Sponsoren abspringen wollen. Nach meinem letzten Interview mit der WZ Ende Januar hat mich Reinhold Ernst angerufen. Er meinte zu mir: Wir sind nicht weit auseinander. Ich entgegnete ihm: Wenn Welten nicht weit auseinander sind, mögen Sie recht haben.

Wie beurteilen Sie die Rolle des neuen Vorstandsvorsitzenden Robert Schäfer?

Werner: Ende März hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit ihm. Seine Aussage, wonach alles und jeder auf dem Prüfstand steht, hat mich jedoch geschockt. Welches Klima hat dies wohl bei den Mitarbeitern erzeugt, viele von denen haben in Fortunas schwersten Zeiten für geringe Bezahlung gearbeitet. Zu dem sportlichen kommt also auch noch ein riesiger sozialer Imageverlust hinzu. Wie ich aus München und Dresden erfahren habe, ist Herr Schäfer ein absoluter Spitzenmanager. Aber ist er mittlerweile auch Fußballfachmann?

Wie bewerten Sie die Arbeit von Paul Jäger?

Werner: In den sieben Jahren unserer Zusammenarbeit zeigte er große Fachkompetenz auf seinem Gebiet. Sobald er sich jedoch ins Sportliche einmischt, betritt er ein Plateau, auf dem er nicht zu Hause ist. Zu viele unkontrollierte Emotionen trüben seine Beurteilung und Bewertung.

Aus welchem Motiv äußern Sie sich, hegen Sie Groll gegen die aktuellen Entscheidungsträger?

Werner: Nein. Das ist auch keine Effekthascherei von mir. Mich erschüttert die Entwicklung des Vereins. Mich schmerzen nicht nur der sportliche Niedergang und der große Imageverlust, sondern auch der Umstand, dass laut Aussagen von Verantwortlichen des Clubs mittlerweile die finanziellen Ressourcen aufgebraucht sind. Ich habe Reinhold Ernst im vergangenen Oktober gesagt, dass ich nach Ende der Saison Fragen stellen werde. Ich wollte seinerzeit keine Unruhe in die sportlich brisante Situation bringen. Er sagte, dass er mich anruft. Das hat er nicht getan, deshalb äußere ich mich jetzt hier. Ich möchte unter anderem wissen: Wer hat die Neuausrichtung im sportlichen Bereich als Trennungsgrund von Rachid Azzouzi beschlossen — der Aufsichtsrat, Herr Dr. Ernst oder Herr Schäfer? Welches Konzept liegt hier zugrunde? Meine Worte sind ein Appell. Wenn sie nicht aufwachen in Düsseldorf, droht der Abstieg. Und das wäre eine brutale Ohrfeige für die, die alles daran gesetzt haben, Fortuna nach oben zu bringen: Der alte Vorstand um Peter Frymuth, Werner Sesterhenn, Thomas Allofs, Hermann Tecklenburg, Paul Jäger und Sven Mühlenbeck und mich.

Was muss Ihrer Meinung nach passieren?

Werner: Ich denke, es muss eine außerordentliche Jahreshauptversammlung her. Denn Fortuna steht vor einem Riesenabgrund. Da müssen Satzungsänderungen herbeigeführt werden. Aber die Fortuna-Fans sind ja so leidensfähig, dass sie sogar auch dieses Desaster mittragen. In keinem anderen Verein herrschen solch desaströse Verhältnisse, nicht mal beim FC Schalke 04.

Wie lautet Ihr Fazit?

Werner: Ich sage wieder: Der Aufsichtsrat missversteht offenbar seine Aufgabe, denn bereits nach dem Aufstieg in die Bundesliga mischte er sich immer wieder in die operative Arbeit ein. Es heißt, in diesem Gremium gebe es Machtkämpfe, von zwei bis drei widerstrebenden Richtungen ist die Rede. Meine Hoffnungen auf eine sportlich positive Zukunft beruhen allein auf Friedhelm Funkel und Peter Hermann, denn diese beiden sind derzeit die einzigen, die vom Sport Ahnung haben. Zudem vertraue ich auf Robert Schäfer, dass er seine fachlichen Qualitäten einbringt und nicht nur als der große Ausmister in die Fortuna-Historie eingeht. Weitere kleine Änderungen könnten schon helfen. Uwe Klein, Robert Palikuca, Jens Langeneke und Sascha Rösler sind eingefleischte Fortunen und könnten eingebunden werden, um die Trainer bei der wichtigsten Aufgabe zu unterstützen: Eine zweitligataugliche Mannschaft zusammenzustellen. Wenn Zeugwart Alex Spengler irgendwann in Rente geht, verlässt der letzte Fortune aus meiner Zeit den Verein. Dann ist bei Fortuna das Herzblut weg, dann regiert nur noch der Verstand.

Mehr von Westdeutsche Zeitung