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Fortuna spielt, nichts ist los: So leer war es beim Geisterspiel

Stimmung in Düsseldorf : Eine Stadt wie ein Geisterspiel, das 0:0 endet

Wenn Fortuna spielt, hört und spürt man das normalerweise an jeder Ecke. Am Samstag dagegen nur an einer Stelle.

Von Christian Herrendorf

Zu den schönen Worten, die die Rheinbahn dieser Stadt geschenkt hat, zählt das Wort Bedarfshaltestelle. Damit meint das Nahverkehrsunternehmen Stationen, an denen Bahnen nur halten, wenn jemand dort steht oder jemand im Zug den Stop-Knopf drückt, weil er dort aussteigen möchte. Eine solche Bedarfshaltestelle befindet sich an der Mörickestraße in Stockum, letzte Station vor der Arena. Und auch wenn der Bedarf dort auszusteigen an Bundesliga-Spieltagen selten hoch ist, so gering wie am Samstag war er noch nie. Außer dem Autor dieser Zeilen (und dem Fahrer) befand sich um halb vier niemand im Zug der Linie U78. Die letzten Fahrgäste sind an der Station Freiligrathplatz ausgestiegen. Und das obwohl in dieser Minute die im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga wichtige Partie zwischen Fortuna Düsseldorf und dem SC Paderborn angepfiffen wurde. Eine Bedarfsbegegnung.

Die Deutsche Fußball Liga, der Verein und die Stadt haben im Vorfeld des Spiels viel unternommen, um zu vermeiden, dass sich irgendwo nennenswerte Mengen von Fans sammeln und damit die Corona-Vorgaben gefährden. Im Stadion befanden sich weniger als 300 Menschen, Büdchen in der Altstadt durften ab 15 Uhr kein Wegbier mehr verkaufen, Kneipen konnten draußen keine Fernseher aufhängen und auch von drinnen keine vergleichbaren Anreize bieten, Fantreffpunkte entlang der Strecke zur Arena waren geschlossen. Polizisten, die ihre Mannschaftswagen gut sichtbar an der Bolkerstraße geparkt hatten, und Mitarbeiter des städtischen Ordnungs- und Servicedienstes, die in der Regel zu viert unterwegs waren, überprüften, ob diese neuen Regeln eingehalten wurden. Wurden sie offenbar – und so ergaben sich beim Rundgang durch die Altstadt und rund um die Arena eine Menge seltsamer Szenen:

Ein Raucherplatz vor einer Kneipe an der Bolkerstraße, an dem um 15 Uhr normalerweise die Taktik besprochen wird – die der Mannschaft oder die eigene für den weiteren Verlauf des Samstags. Diesmal aber geht es um Essen, das gleich bestellt werden soll, die Vorzüge von Plastikvisieren, die Vorzüge der neuen Waschmaschine.

Eine Anzeigetafel im U-Bahnhof, an der Heinrich-Heine-Allee. Normalerweise kündigen sie Züge mit drei Anhängern an, die im 90-Sekunden-Takt einrollen. Für die nächsten 15 Minuten wird einer angezeigt, der zur Arena fährt. Noch drei Minuten, noch zwei Minuten, dann verschwindet die Bahn von der Tafel.

Ein Fan in einem weißen Trikot auf der Straße, die zur Arena führt. Er fotografiert sich und das Stadion.

Eine Arena um 15.30 Uhr. In ihr soll soeben das erwähnte Spiel begonnen haben. Vor ihr gibt es dafür keine Anhaltspunkte. Es ist nicht zu hören, wie gegen den Ball getreten wird, es nicht zu hören, dass ein Trainer oder ein Betreuer ruft, was der Spieler beim nächsten Mal besser anders machen sollte oder wo der den Ball sinnvoller Weise hinbefördert hätte. Es kann nicht sein, dass hier gerade ein Bundesligaspiel stattfindet. Es sieht aus wie montags mittags. Oder wie nachts, nur in hell. An den Eingängen, an den Ausgängen, an den Zäunen stehen Menschen, die sehr gelbe Westen tragen. Sie sind konzentriert, sie sind freundlich. Sie bewachen nichts. Am Kassencontainer sind alle Rolladen unten. Auf den Bahnsteigen kein Mensch. Doch einer. Ein Fahrer, der Pause macht, bevor er die Bahn wieder Richtung Innenstadt bringt. Er verfolgt die Übertragung des Spiels auf seinem Smartphone. Es ist noch nicht viel passiert.

Ein Mann am Reeser Platz, dessen Büdchen aussieht wie der Kassencontainer plus gute gesicherte Eistruhen. Er nutzt die Gelegenheit, um Pfand zum Supermarkt zu tragen. Er hat mehr Flaschen in den Händen als Finger daran. Als eine der Flaschen an der Ampel herunterfällt, er sich bückt, aber keine Möglichkeit findet, sie wieder in die Hand zu kriegen, scheint er den aufregendsten Moment dieses Nachmittags zu erleben.

Viele Väter, die Kinderwagen schieben.

Ein Lokal in der Altstadt, vor dem der größte erkennbare Andrang dieses Nachmittags herrscht. Dort wird Tee verkauft.

Ein Fan, in einem roten Trikot, der die Zahl der gesichteten Trikots in der Altstadt in den zweistelligen Bereich bringt. Gegen halb fünf.

 Eine Kneipe an der Ratinger Straße, in der ganz weit hinten etwas Grünes leuchtet. Das könnte ein Rasen in einem Fernseher sein, und das könnten Menschen sein, die auf dem Rasen herumlaufen und Fußball spielen.

Ein Irish-Pub, in dem ein paar Fans sitzen, Fortuna gegen Paderborn gucken und offenbar beschlossen haben, in den anlasslosesten Situationen „F95 ist einfach nicht zu schlagen“ zu singen.

Ein Irish-Pub, der am Samstagnachmittag geschlossen hat.

Das Spiel in der Arena endet 0:0. Und genau so hat es sich in der Stadt angefühlt.