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Fortuna Düsseldorf - Tim Oberdorf, Kristoffer Peterson und Matthias Zimmermann trainieren Blindenfußball

Besondere Trainingseinheit : Wenn der Ball beim Rollen klingelt

Drei Fortuna-Profis erlebten ein Training der besonderen Art: Eine Einheit mit dem Blindenfußball-Team des Klub – unter gleichen Bedingungen, mit Sichtschutz-Brille. Das Ergebnis war eine faszinierende Stunde voller Respekt und dennoch Spaß.

Die Torchance für Tim Oberdorf könnte eigentlich kaum größer sein. Völlig allein läuft Fortunas Innenverteidiger auf das Tor zu, nicht einmal ein Torhüter steht im Kasten. Doch dem 26-Jährigen springt der Ball vom Fuß, die Kugel läuft ihm nach links weg – und Oberdorf findet sie nicht einmal wieder! Nun muss sich niemand um den Profi sorgen, er ist keineswegs völlig konfus geworden. Es ist nur eine ganz normale Szene im Training mit Fortunas Blindenfußball-Mannschaft, in das sich an diesem Abend neben Oberdorf auch noch seine Teamkollegen Kristoffer Peterson und Matthias Zimmermann gestürzt haben.

Wie ihre blinden oder stark sehbehinderten Mitspieler auch, muss das Trio aus Fortunas Zweitligateam Spezialbrillen tragen, die jeden Lichteinfall und somit jede Sicht verhindern. Damit auch wirklich für alle gleiche Bedingungen herrschen. Aber was heißt hier schon gleiche Bedingungen: Schnell merken die Zuschauer auf dem Kleinfeld im Arena-Sportpark, dass die Spieler aus dem Blindenfußball-Bundesligateam deutlich besser mit ihrer Aufgabe zurechtkommen als die Profis.

„Hast du mal versucht, den Ball zu erobern?“, fragt Oberdorf nach einer entsprechenden Zweier-Trainingsübung kopfschüttelnd an die Adresse Zimmermanns. „Ich hab es gerade ein einziges Mal geschafft, den Ball auch nur zu berühren!“ Es ist ja auch alles gar nicht so einfach, wenn man seine Augen nicht einsetzen kann. Ob beim Dribbling, beim Passspiel oder beim Schuss – es geht alles nur über die Akustik. Weil im Ball eine Klingel ist, die aber kein Geräusch mehr macht, sobald die Kugel nicht mehr rollt.

Jeder ist darauf angewiesen, dass der Mitspieler beim Pass deutlich „hier“ oder „voy“ (spanisch für „sofort“, ein international gültiger Zuruf im Blindenfußball) ausruft. Oder dass der Torhüter vor dem Schuss bekanntgibt, wo sich die Torpfosten befinden. In der Trainingsstunde macht das Klaudiusz Dittrich, Trainer von Fortunas Blindenfußball-Team und zugleich „der beste Bundesliga-Torhüter, als der er zu Recht ausgezeichnet wurde“, wie der Leiter des Bereichs Inklusion bei Fortuna, Stefan Felix, nicht ohne Stolz
berichtet.

Und auch Dittrich ist stolz – auf sein Team, das erst seit einem Jahr in der Bundesliga spielt und sich stetig steigert. Und er lobt die Profis, die sich auf das ungewohnte Terrain gewagt haben. „Blindenfußball ist schon eine ganze andere Sache“, betont der Trainer. „Nur ganz am Anfang hatten alle ein bisschen Respekt voreinander und vor der Aufgabe, dann haben sie es sehr gut
gemacht.“

So wie sein Team in der Bundesliga. Noch sind es zu wenig Spieler aus dem eigenen Verein, weswegen eine Spielgemeinschaft mit dem PSV Köln nötig ist. Dittrich hat sich das Ziel gesetzt, binnen fünf Jahren im Mittelfeld der Liga mitspielen zu können. „Und jedes Jahr eine Mannschaft zu ärgern, die schon länger dabei ist“, ergänzt er.

Aber die Abteilung soll weiter wachsen. Und im nächsten Jahr wird die Mannschaft zumindest punktuell schon durch ein Riesentalent ergänzt. Ab 14 Jahren können Spieler mit einer Ausnahmegenehmigung in der Bundesliga mitmachen – und diese Altersgrenze hat Karlo Bremer dann erreicht. „Karlo wird noch nicht viele Einsätze bekommen, weil er körperlich noch nicht soweit ist, sich im manchmal sehr robusten Blindenfußball zu behaupten“, erklärt Dittrich. Was Karlo, der bereits dick im Notizbuch des deutschen Blindenfußball-Bundestrainers steht, aber in der Trainingseinheit mit den Profis in Sachen Technik und Tempo abzieht, ist nahezu
unglaublich.

„Karlo ist überragend“, sagt Peterson, als er eine Zweierübung mit dem 13-Jährigen absolviert hat. „Ich hatte manchmal gar keine Ahnung, wo ich überhaupt war, und schon hatte er mir den Ball wieder abgenommen.“ Überhaupt ist die Anerkennung der Profis für die Leistungen ihrer Gastgeber immens. „Es ist eine tolle Erfahrung, mal seinen Blickwinkel auf diese Weise zu verändern“, sagt Zimmermann. „Wahnsinn, Hut ab! Ich habe riesengroßen Respekt davor, wie sie es schaffen, nur auf Geräusche hin eine solche Koordination hinzubekommen. Ich bin großer Fan geworden.“

„Es hat richtig Spaß gemacht“, ergänzt Peterson, und das ist den Profis auch in jeder Minute anzumerken. „In dem Moment, als ich die Brille aufgesetzt habe, war die Orientierung für mich auch schon komplett dahin“, berichtet Oberdorf. „Da war ich sehr auf die Hilfe von außen angewiesen, wie ich ausgerichtet bin und wo der Ball überhaupt ist. Alles lebt davon, dass die Kommunikation unter den Teamkollegen so gut ist, sehr interaktiv. Eine großartige Erfahrung.“

Eine Sache gilt es nach einer vollen Trainingsstunde ohne jede Berührungsängste und ganz viel Spaß miteinander aber noch zu klären unter den drei Profis. Warum eigentlich hatten Zimmermann und vor allem Oberdorf zu Beginn der Einheit solche Probleme, den Ball zu führen oder gar zu schießen, während Peterson die Dribblingsübung mit Schuss ins leere Tor gleich im ersten Versuch erfolgreich abschloss? Und warum versenkte der Schwede bei der Schussübung mit Torhüter den ersten Ball sofort eiskalt und knallhart im kurzen Eck?

Von den beiden Kollegen darauf angesprochen, hat der 27-Jährige eine Antwort parat. „Ich musste meinen Kindern ja erklären, warum ich heute später nach Hause komme“, berichtet Peterson. „Da habe ich ihnen ein Youtube-Video vom Blindenfußball gezeigt und ein bisschen geübt.“ Dafür muss sich der Schwede von Oberdorf und Zimmermann natürlich gleich als „Streber“ bezeichnen lassen. „Ich dachte, wir starten hier alle bei Null, aber der hat sich natürlich mal wieder vorbereitet“, sagt Oberdorf lachend.

Peterson hat aber noch eine weitere Erklärung für sein offensichtliches Talent. „Als Kind in Schweden habe ich viel im Dunkeln Fußball gespielt“, sagt er. „Dabei lernst du, beim Dribbling nicht zu viel auf den Ball zu gucken.“ Wofür wenig Sonnenstunden in der Heimat manchmal doch nützlich sein können.