„Großer Stein vom Herzen gefallen“ Wie Fortunas Pokalheld Kastenmeier sein Elfmeter-Trauma überwunden hat

Hamburg · Mit zwei gehaltenen Schüssen kürt sich der 26-Jährige beim Sieg gegen den FC St. Pauli zum Pokalhelden.

Fortuna-Torwart Florian Kastenmeier hält den zweiten Elfmeterversuch von Marcel Hartel und legt den Grundstein zum Sieg.

Fortuna-Torwart Florian Kastenmeier hält den zweiten Elfmeterversuch von Marcel Hartel und legt den Grundstein zum Sieg.

Foto: Moritz Mueller

Es ist irgendwann kurz vor Mitternacht, als Florian Kastenmeier ganz allein vor dem erschöpften, aber absolut ekstatischen Fortuna-Block im Millerntor-Stadion steht. Sein Trikot hat der Torwart auf der Rückseite seines Körpers in den Bund der Hose gesteckt, applaudierend blickt er in Richtung der Fans. Dann geht ein paar Schritte auf sie zu, reißt mehrfach die Arme hoch und streckt ihnen jubelnd die Brust entgegen.

Die Social-Media-Abteilung des Zweitligisten feiert ihn nach dem 6:5-Erfolg nach Elfmeterschießen im DFB-Pokal-Viertelfinale auf St. Pauli als „Kastenmauer“, die Anhänger schließen ihn einfach in ihr Herz. Für sie hat sich der Keeper mit zwei, eigentlich ja sogar drei Paraden gegen Maurides und Marcel Hartel in der Crunchtime unsterblich gemacht. Denn gegen den Kapitän der Hanseaten muss der 26-Jährige zwei Mal ran, weil er bei dessen erstem vereitelten Versuch deutlich vor der Torlinie steht.

„Es waren Flashbacks zum Nürnberg-Spiel letztes Jahr da“, sagt Kastenmeier. Beim dramatischen Ausscheiden im Achtelfinale im Frankenland ist der Keeper in der vergangenen Saison wegen desselben Vergehens ebenfalls zwei Mal gegen Taylan Duman gefordert gewesen, damals hat dessen Wiederholungsversuch aber gesessen. „Jetzt“, fährt der Torhüter fort, „kam es mir sogar entgegen, weil Hartel irgendwann seine Lieblingsecke bedienen musste, nachdem er das gegen mich am Samstag und heute drei Mal nicht getan hat.“

Kastenmeier steht
alleine an der Eckfahne

 Fortuna-Torhüter Florian Kastenmeier und die Eckfahne auf St. Pauli.

Fortuna-Torhüter Florian Kastenmeier und die Eckfahne auf St. Pauli.

Foto: Moritz Mueller

Vor seinem Solo-Jubel mit den Fans braucht der gebürtige Regensburger übrigens erstmal einen Moment für sich. Ganz allein steht er mehrere Augenblicke lang an der Eckfahne, stützt sich auf sie, scheint sie zu umarmen. „Ich hatte ja noch das Trauma von den letzten zwei Elfmeterschießen“, erzählt Kastenmeier, der mit Fortuna nicht nur seinerzeit in Nürnberg (3:5 i.E.), sondern unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie auch beim 1. FC Saarbrücken (6:7 i.E.) im Viertelfinale gescheitert ist. „Deswegen ist mir nach dem Spiel ein großer Stein vom Herzen gefallen, und die Eckfahne hätte ich gerne einfach mitgenommen.“

Dieser Stein ist ihm vor allem deshalb vom Herzen gefallen, weil der Torhüter mit einem Fehler kurz vor dem Ende der Verlängerung den Nervenkrimi vom Elfmeterpunkt überhaupt erst herbeigeführt hat.

„Das werfe ich mir vor, da muss ich mutig sein und die Flanke abfangen“, räumt er selbstkritisch ein. „Dann kommen wir gar nicht erst in die Situation. Es wäre überheblich und arrogant, zu sagen, meine Stimmung ist deswegen gedrückt. Aber natürlich beschäftigt einen das.“

Vermutlich aber nicht allzu lange, glaubt auch Kastenmeier. „Wenn wir am Donnerstag freihaben, werde ich das alles wahrscheinlich auch realisieren, und dann ist mir die 120. Minute scheißegal“, betont der 26-Jährige. Doch er weiß auch: „Wenn du in der 120. Minute das 2:2 kassierst, schreibt der Fußball die Geschichte normalerweise so, dass St. Pauli dann noch gewinnt. Heute hatte ich aber das bessere Händchen.“

Und im Endeffekt ist dieser Patzer womöglich die Ursache dafür, dass der Keeper im Elfmeterschießen noch ein paar Prozent mehr aus sich herausholen kann. „Wenn du dieses Tor kassierst, stehst du da und denkst: Jetzt mach aber mal. Da ist der Druck nochmal gewachsen, und er war ohnehin sehr groß“, sagt er. Eigentlich will auch Kastenmeier selbst vom Punkt aus antreten, „aber da waren fünf Leute schneller, sodass ich mich aufs Halten konzentrieren konnte“, erzählt er. „Das war ja auch nicht verkehrt.“

Auch Trainer Daniel Thioune weiß nach Schlusspfiff übrigens, bei wem er sich bedanken muss. Inmitten der Jubelarie geht er auf seinen Torwart zu, greift dessen Gesicht mit beiden Händen und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Es ist irgendwann kurz vor Mitternacht an einem unvergesslichen Abend auf St. Pauli.

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