Ex-Fortuna-Profi Sergij Titarcuk zur EM „Unsere Fußballer wollen zeigen, dass die Ukraine lebt“

Düsseldorf/Kiew · Sergij Titarcuk ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Doch er ist auch ein Herzens-Fortune, seit er von 2002 bis 2005 als Stürmer das Düsseldorfer Trikot getragen hat. Am Freitag geht für ihn ein Traum in Erfüllung: Die Nationalelf seines kriegsgeplagten Heimatlandes Ukraine in „seiner“ Arena.

Einmal im Monat, erzählt Sergij Titarcuk, müsse er in die Ukraine. Obwohl ihm sein Job als Finanzfachmann kaum Zeit lässt, „aber dann muss ich einfach sehen, wie es meiner Mama und der übrigen Familie geht“. Mit der Angst, die der Angriffskrieg Russlands in seinem Heimatland verbreitet, hat der ehemalige Stürmer der Fortuna zu leben gelernt. Zwangsläufig.

„Unsere Fußballer haben natürlich einen zweifachen Druck“, sagt er. „Das Wichtigste ist, dass sie für unser Land aufstehen. Dass sie zeigen, dass die Ukraine lebt. Aber die typischen Fußballdinge müssen sie trotzdem hinkriegen.“ Das gelang in der Auftaktpartie der Blau-Gelben nicht, denn sie verloren gegen Außenseiter Rumänien deutlich 0:3 und stehen damit bereits unter Zugzwang. Am Freitag muss die Ukraine abliefern und gegen die Slowakei gewinnen – und das in Titarcuks altem Wohnzimmer.

Sergij Titarcuk im März 2022 vor dem Parlamentsgebäude in Kyiw.

Sergij Titarcuk im März 2022 vor dem Parlamentsgebäude in Kyiw.

Foto: Sergij Titarcuk

Nun könnte man durchaus der Meinung sein, dass das schwer kriegsgeplagte Land wichtigere Probleme hat als Erfolge im Fußball. Doch zu diesem Punkt gibt der frühere Fortune Einblicke in die ukrainische Seele: „Für die Menschen in der Ukraine geht es bei der EM auch um Stolz. Unter diesen Umständen, denen unser Land seit mehr als zwei Jahren ausgesetzt ist, so viel zu erreichen – das motiviert alle.“ Lösungsorientiert denken – das empfiehlt Titarcuk den Fußballern seines Landes, wenn sie gegen die Slowakei antreten. „Die Mannschaft muss psychisch umdenken, aggressiver sein, sie muss an ihre Chance glauben. In dieser Gruppe ist noch alles möglich“ Der 44-Jährige wird selbst im Stadion mitfiebern, hat auf den letzten Drücker noch eine Karte ergattert.

Und er versucht weiter, den Menschen in der Ukraine zu helfen. Im Großen, mit der Organisation von Hilfsgüter-Transporten und Finanzhilfen, aber auch im Kleinen. Fortuna-Fan David Ellgering stellte dem 44-Jährigen aus seinem Fundus ein Nationaltrikot mit dem Namenszug „Titarcuk“ zur Verfügung – ein Unikat, da der Stürmer nie ein Länderspiel absolvierte. Doch der Finanzexperte erkannte sofort die Möglichkeiten und setzte eine Versteigerung in Gang. „Jeder Cent aus der Versteigerung geht direkt an Hilfsprojekte für die Ukraine, um in diesen herausfordernden Zeiten zu helfen.“.

Doch zunächst fiebert er dem Spiel am Freitag entgegen: „Ich trage in meinem Herzen immer zwei Länder, Deutschland und die Ukraine. Aber am Freitag würde ich mich einfach unwahrscheinlich freuen, wenn die Ukraine gewinnt. Vor allem für die Menschen zu Hause.“