Dirk Kall im Interview: „Wir brauchen mehr Struktur“

Dirk Kall im Interview: „Wir brauchen mehr Struktur“

Der Vorstandsvorsitzende Dirk Kall spricht über die Ziele der Fortuna und die Wege, die dorthin führen.

Düsseldorf. Die ersten 100 Tage hat Dirk Kall als neuer Vorstandsvorsitzender der Fortuna hinter sich. Die ersten Aufgaben sind vom ersten hauptamtlichen Boss des Traditionsclubs erledigt, einige Projekte angeschoben und einige Visionen zum Ziel erhoben worden. Wir sprachen mit Dirk Kall.

Herr Kall, was war in den 100 Tagen anders, als Sie sich es als Vorstandsvorsitzender vorgestellt haben?

Dirk Kall: Ganz anders war eigentlich wenig. Mir war wichtig in der ersten Zeit, dass ich nicht als Besserwisser auftrete und sage, wir machen das jetzt so oder so. Ich habe mit nahezu allen Mitarbeitern gesprochen und gefragt, wie sie die Situation, die Chancen und Potenziale des Vereins sehen. Aber auch bei Personen von außen habe ich mich über ihren Eindruck vom Verein unterhalten. Das Bild, was sich ergab habe ich mit meinem Bild übereinander gelegt. Und dass passte, obwohl ich viel Detailwissen dazu bekommen habe. Das ganze Team ist sehmotiviert und engagiert. Da ist keiner, der miese Stimmung trotz der großen Belastung hat.

Was wurde in Bezug auf den Verein und seine Politik kritisiert? Und was passiert jetzt?

Kall: Uns würde so ein wenig die Strategie fehlen oder sie sei nicht deutlich. Ihr wollt in die erste Liga, aber wie wollt ihr da als Verein hinkommen. Der Aufbau der Strukturen muss dem sportlichen Erfolg folgen. Im Bundesliga-Jahr haben wir das noch gut hinbekommen. Das Fundament, das wir brauchen, ist in den vergangen Jahren auf dem Weg von der vierten bis zur ersten Liga sehr schnell gewachsen. Mehr Struktur und Systematik muss aufgebaut werden, fast wie in einem Unternehmen. Da hoffe ich, gekoppelt mit dem fußballerischen Sachverstand und der Erfahrung von Paul Jäger und Helmut Schulte der richtige Mann für diese Aufbauarbeit zu sein.

Kann man alles im Fußball so planen, wie in einem Unternehmen?

Kall: Das Ganze ist stark von den Ergebnissen am Wochenende abhängig. Man weiß nie, wenn man freitags rausgeht, wie man am Montag wieder ins Büro kommt. Eigentlich wollen wir natürlich nachhaltiger und länger planen in Richtung mittelfristig. Aber im Fußballgeschäft sind die Einnahmen und Ausgaben sehr von der Ligazugehörigkeit der ersten Mannschaft abhängig. So dass man eigentlich nur für ein Jahr planen kann. Es reicht aber nicht von Spielzeit zu Spielzeit zu planen. Im Tagesgeschäft wollen wir noch besser werden und müssen neue Themen angehen. Das Ziel ist weiterhin etablierter Erstligist zu werden. Und dafür müssen wir nicht nur in die Mannschaft, sondern zum Beispiel auch in die Infrastruktur investieren. Wir wollen kein Ankündigungs-Meister sondern Meister der 2. Liga werden und aufsteigen.

Was braucht der Vereinsboss in dieser Phase?

Kall: Entscheidungsmut und Mut zur Veränderung. Auch wenn mal eine Fehlentscheidung dabei ist. Lieber eine Entscheidung, als keine. Man muss nur alles begründen können. Wir müssen Entscheidungen treffen, und ich muss dabei vorangehen. Transparenz ist der nächste wichtige Punkt. Wir wollen informieren und möglichst offen sein, damit keine unnötigen Diskussionen entstehen, die dem Verein schaden. Intern muss ich Vertrauen haben, indem ich Leute mit Dingen beauftrage, über die sie entscheiden können.

In welchen Bereichen muss sich der Verein verändern bzw. wachsen?

Kall: Wir sind ein Fußballverein, also der sportliche Bereich mit der ersten Mannschaft steht an erster Stelle. Wir wollen eine klare Spiel- und auch Scouting-Philosophie, nach der vorwiegend mit in Deutschland ausgebildeten Spielern gearbeitet werden soll. Künftig soll auch in das Nachwuchsleistungszentrum deutlich intensiviert werden. In 2015 soll der zweite Stern der Zertifikation hinzukommen. Drei sind möglich. Damit wollen wir vom Nachwuchsbereich durchlässiger zum Profiteam werden. Andere Vereine in der direkten Umgebung sind uns da um zehn Jahre voraus. Es war ein maßgeblicher Punkt, warum wir Helmut Schulte ausgesucht haben, weil er zehn Jahre im Nachwuchsleistungszentrum von Schalke 04 gearbeitet hat.

Das heißt, dass die 2. Mannschaft als U23 bestehen bleibt?

Kall: Ja, bei uns kommen Talente aus der U19, die noch nicht bereit für das Profiteam sind. Wir brauchen eine Zwischenstation.

Was bedeutet die Förderung der Infrastruktur?

Kall: Zum Beispiel, dass wir uns um das Gelände des insolventen SC Flingern kümmern wollen. Und auch in die Anlagen am Flinger Broich wollen wir investieren. Das Funktionsgebäude an der Arena wird verbessert und ein Shop an der Arena ist in der Diskussion.

Sie brauchen dafür Sponsoren, bleibt aber der Verein unabhängig von einem Sponsor oder einer Person?

Kall: Darauf sind wir stolz, dass wir auf eigenen Beinen stehen, was nicht immer so war. Wir haben ein breites Fundament, suchen aber weitere Partner. Dass wir mit Otelo als Hauptsponsor zwei Jahre verlängert haben, macht uns stolz. Auch mit weiteren Sponsoren haben wir richtig gute Verbindungen. Zudem versuchen wir jetzt auch als Fortuna an die japanischen Unternehmen vor Ort heranzukommen.

Wie wichtig ist Ihnen der Dialog mit den Fans?

Kall: Wir müssen zuhören, wenn die Fans ihre Wünsche äußern. Sie wollen, dass wir als Verein selbstbewusster sind. Da müssen wir uns auch der Verantwortung stellen, wenn es Probleme gibt und müssen das Miteinander, den Dialog suchen. Wie sehr hat Sie die öffentliche Kritik von Uwe Klein geärgert, dessen Vertrag als Co-Trainer nicht verlängert wird? Kall: Es bringt jetzt nichts, dass öffentlich zu diskutieren. Uns war wichtig, den direkten Dialog zu suchen. Nur so viel. Darüber habe ich bereits mit ihm gesprochen. Wir wollen das sauber klären und die Probleme ausräumen.

Man hört heraus, dass Sie mit Ihren ersten 100 Tagen zufrieden sind. Stimmt der Eindruck?

Kall: Ja, ich bin sehr glücklich und habe das Gefühl, dass ich diese Aufgabe mit dem Team gemeinsam gut bewältigen kann. Es ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Wir wollen als Verein noch mehr zusammenwachsen.

Günter Netzer hat vor längerer Zeit vom schlafenden Riesen in Bezug auf Fortuna gesprochen. Wie wach ist der Verein inzwischen?

Kall: Wir wachen sukzessive auf, sind aber noch nicht ganz wach. Alle Körperfunktionen müssen wach sein. Wir werden ganz wach und die Dekade mit Peter Frymuth an der Spitze war durch den sportlichen und Wirtschaftlichen Erfolg ein Meilenstein auf dem Weg dorthin.

Können Sie zum Abschluss noch die Trainerfrage beantworten?

Kall: Wir suchen eine Lösung, können aber derzeit noch nichts Weiteres dazu sagen, weil wir nicht wissen, wie sich der gesundheitliche Zustand von Lorenz-Günther Köstner entwickelt.

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