Die Toten Hosen über Fortuna: "Hätte Funkel schon früher angerufen"

Die Toten Hosen über Fortuna : „Hätte Funkel schon viel früher angerufen“

Die Toten Hosen sind mit dem Julius-Hirsch-Preis geehrt worden. Gitarrist „Breiti“ Breitkopf spricht im Interview über die Bedeutung der Auszeichnung, Toleranz in Stadien und was er am meisten an Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel schätzt.

Der Ruf der Toten Hosen als Fußball-Experten hat sich bis nach Südamerika herumgesprochen. Im argentinischen Fernsehen musste die populärste Rockband der Republik neulich viele Fragen zum Lieblingssport der Deutschen beantworten. Vor der Verleihung des Julius-Hirsch-Ehrenpreises durch den DFB für ihr jahrelanges Engagement gegen Rassismus sprach Hosen-Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf mit dieser Zeitung über das Leben als Fan von Fortuna Düsseldorf, den Abgang von Uli Hoeneß und die Erfolge im Kampf gegen Rechtsextremismus in den Stadien.

„Breiti“, wer ist der talentierteste Fußballer unter bei den Toten Hosen?

Michael „Breiti“ Breitkopf: (lacht) Ich bin natürlich der beste Kicker. Nee, Quatsch. Wir waren zusammen als Team immer stark, bis dann diverse Hüftschäden unsere aktiven Karrieren beendet haben. Seitdem konzentrieren wir uns darauf, auf der Bühne fit zu sein.

Haben Sie auch einmal im Verein gespielt?

Breitkopf: Zu meiner Zeit war es ja noch möglich, auf jeder Wiese und jedem Bolzplatz jeden Tag auf jedem Level zu spielen, weil es so viele Kids gab. Irgendwann habe ich dann auch einmal im Verein gespielt, bei Alemannia 08 Düsseldorf. Dann bin ich aber wieder in die „bunte Liga“ gegangen. Das hat mehr Spaß gemacht und war lockerer. Mein letztes Team war „Brasil Express“ Düsseldorf, eine brasilianische Thekentruppe.

Sind Die Toten Hosen ohne ihre Verbindung zum Fußball überhaupt denkbar?

Breitkopf: Es ist so, dass wir mit der Band auch immer alle anderen Interessen ausgelebt haben. Ob das Fußball ist oder Politik. Man bewegt sich als Band in allen möglichen Bereichen und dann kommen Verbindungen wie die zu Fortuna Düsseldorf zustande, von denen wir ohnehin immer Fan waren.

Eure gemeinsame tiefe Zuneigung zu Eurem Heimatverein Fortuna Düsseldorf ist verbrieft. Ihr seid Ehrenmitglieder und habt den Verein mehrfach mit Aktionen finanziell unterstützt. Auch Campinos enge Beziehung zum FC Liverpool ist bekannt. Gibt es noch andere heimliche oder gar nicht so heimliche Fußball-Lieben bei den Hosen-Mitgliedern?

Breitkopf: Nein. Natürlich hat man Sympathien für andere Clubs. Ich zum Beispiel für den SC Freiburg. Wie die das mit begrenzten Mitteln und ihrer Vereinsphilosophie machen, finde ich super. Aber richtig Fan kann man nur von einem Verein sein, oder wie in Campinos Fall vielleicht von zwei Clubs in unterschiedlichen Ländern.

Sie gelten als der Fußballexperte bei den Hosen. Ein Ruf, den man sich sicher hart erarbeiten muss. Wie viele Fußballspiele konsumieren Sie durchschnittlich in der Woche?

Breitkopf: Ich wusste gar nicht, dass das so ist (schmunzelt). Ich sehe das auch gar nicht so. Es ist einfach so: Seit ich denken kann, interessiert mich das Spiel generell und Fortuna Düsseldorf im Besonderen. Es macht Spaß, mit Leuten auf der ganzen Welt über Fußball zu reden. Das ist etwas Verbindendes, egal wo man gerade ist. Ich habe es auch immer gemocht, ins Stadion zu gehen – ob in Peru, Uruguay oder Schottland.

Kann die Faszination des Spiels auch den ganzen Kommerz überleben, mit der Fußball seit geraumer Zeit überfrachtet wird?

Breitkopf: Was ich nicht mag ist, wenn Wettbewerbe wie die Champions League verwässert werden, nur um noch den letzten Cent herauszupressen. Da geht es nur noch darum, möglichst viel Geld auf die großen Clubs zu konzentrieren, was ja leider auch funktioniert. Dadurch wird das Sportliche langweilig: Dass ein Club wie Nottingham Forest oder Steaua Bukarest jemals in die Nähe kommen kann, diesen Pokal zu gewinnen, ist absolut ausgeschlossen. Das hat dann nichts mehr mit Sport zu tun, sondern ist nur noch eine Showveranstaltung. Das finde ich schade. Oft macht ein Kreisliga-Spiel auf’m Dorfplatz vor ein paar Hundert Leuten mehr Spaß als ein Champions-League-Vorrundenspiel.

Jetzt kommt offensichtlich das Aber.

Breitkopf: Bei allem, was ich zu nörgeln habe: Früher war auch nicht alles besser. Es ist schon lange niemand mehr in einem Fußballstadion gestorben, man kann mit der ganzen Familie überall in Europa unbesorgt ins Stadion gehen. Das war noch in den frühen 80er Jahren ganz anders.

Es gab in den vergangenen Tagen eine Diskussion, dass das Interesse an der deutschen Nationalmannschaft zurückgegangen ist. Schauen Sie sich die DFB-Spiele noch im Fernsehen an?

Breitkopf: Bei großen Turnieren hoffe ich immer, dass einmal eine Mannschaft etwas gewinnt, die noch nie etwas gewonnen hat. Wie 2004 Griechenland die EM. Ich schaue mir gerne Länderspiele der deutschen Mannschaft an, in denen es um etwas geht und der Gegner gleichwertig ist. Qualifikations- oder Freundschaftsspiele gucke ich mir schon lange nicht mehr an, weil die einen begrenzten sportlichen Wert haben.

In der vergangenen Woche ist Uli Hoeneß abgetreten. Ihr geltet ja seit Eurem Song („Wir würden nie zum FC Bayern München gehen“, d. Red.) nicht gerade als Freunde des FC Bayern. Werden Sie Hoeneß als Figur im deutschen Fußball dennoch vermissen?

Breitkopf: Er war natürlich über Jahrzehnte eine prägende Figur im deutschen Fußball und hatte auch sonst ein paar ausgeprägte Charakterzüge. Aber er ist niemand, mit dem wir zu tun haben.

Fortuna ist ja mit Friedhelm Funkel als Trainer zurzeit gesegnet. Sehen Sie Parallelen zwischen den Hosen und Funkel? Manchmal unterschätzt, aber immer noch erfolgreich im Geschäft?

Breitkopf: Ich habe natürlich überhaupt keine Ahnung von Fußball, aber ich hätte den schon viel früher angerufen, wenn ich Verantwortlicher bei Fortuna Düsseldorf gewesen wäre. Funkel hat eine totale Ruhe, nimmt die Spieler, die er hat und macht das Beste draus. Er hat ein gutes Händchen dafür, aus den Spielern immer eine gute Mannschaft zu formen, in der einer für den anderen kämpft. Da macht es auch Spaß ins Stadion zu gehen, wenn man mal verliert. Ich mag total an ihm, dass er so unaufgeregt und sehr pragmatisch ist. Es ist eine glückliche Konstellation, dass er bei Fortuna Trainer ist und hoffe, dass er noch lange bleibt.

Die Toten Hosen haben für ihr Engagement gegen Rassismus vom DFB den Julius-Hirsch-Ehrenpreis verliehen bekommen. Als Ihr in den 80er Jahren mit dem Musikmachen angefangen habt, war es noch an der Tagesordnung, dass dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten aus der Kurve verunglimpft wurden. Welche Fortschritte hat der Fußball seitdem im Kampf gegen Rassismus gemacht?

Breitkopf: Wir nehmen diesen Preis zunächst einmal stellvertretend für all die vielen Fußball-Fans an, die so wie wir versuchen, etwas gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu tun. Es ging Ende der 80er Jahre von den Fans aus, dass die keinen Bock mehr auf Neonazis und rechte Parolen im Stadion hatten. Diese Fanprojekte waren in vielerlei Hinsicht sehr erfolgreich. Man kann also sehr wohl sehr viel bewegen. Aber es wird wohl nie der Punkt erreicht werden, an dem dieser Kampf zu Ende ist. Deshalb finde ich es auch sehr gut und wichtig, dass der DFB den Julius-Hirsch-Preis verleiht. Als ein Statement und Ermutigung für alle, die sich in dieser Hinsicht engagieren.

Auch Homophobie bleibt leider ein tagesaktuelles Thema im Fußball. Würden Sie einem Bundesliga-Spieler raten, sich unter den derzeitigen Umständen zu outen?

Breitkopf: Das ist das gleiche Themenfeld. Das gehört auch zu Toleranz und Freiheit. Aber ich kann als Nicht-Fußballer ja nicht von einem Fußballer verlangen, sich zu outen, um als Beispiel dazustehen. Es hat sicher gute Gründe, warum das noch niemand gemacht hat. Wenn das Klima noch nicht so ist, muss man sich immer weiter bemühen, dass es irgendwann einmal ein Klima gibt, in dem das kein Thema mehr ist.

Man hört heraus, dass Sie ein Fußball-Romantiker sind. Haben Sie Ihren Frieden mit Clubs wie RB Leipzig oder der TSG Hoffenheim gemacht oder denken Sie immer noch: Für die sollte besser ein Traditionsverein in der Bundesliga spielen?

Breitkopf: Tradition finde ich einen langweiligen Begriff. Wenn ein Traditionsverein schlecht wirtschaftet oder schlechte Entscheidungen trifft, dann hat er auch keine Berechtigung, in der 1. Liga zu spielen. Bei Fortuna können wir davon sehr viele Geschichten erzählen. Auf der anderen Seite: Wenn Wettbewerbe verzerrt werden, indem viel Geld an bestimmte Vereine fließt, für die die Satzungen einfach nicht gelten, geht das nicht. Und die 50+1-Regel gilt einfach nicht für Leipzig, Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim. Aber ich habe nichts gegen die Fans dieser Vereine.

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